Musik muß farbenblind sein“, sagt Stevie Wonder. Darum haßt er es, in eine schokoladenbraune Rhythm-and-Blues-Schachtel gesteckt zu werden: „Da kriege ich klaustrophobische Zustände.“ Er hat in seinem 25 Jahre langen Künstlerleben (dabei ist er gerade mal 34) unentwegt Befreiungsschläge gegen soziale Zwänge und musikalische Konventionen geführt. Steveland Judkins Hardaway ist der vollkommene schwarze Star aus dem Getto von Detroit, ein Erfolgsmodell für ethnische Wunschvorstellungen: Aufstieg ohne Verschleierung der Herkunft und ohne Identitäts-Verlust; black power nicht als wirkungslose Potenz-Geste, sondern als Ansporn zum Aufstieg: hart bleiben, Stolz bewahren, vorwärtskommen!

Im Gegensatz zu Diana Ross und verstorbenen Marvin Gaye hat Stevie Wonder seine musikalische Sensibilität seit den Gründerjahren der Motown Records nicht abgeschliffen und seine Kreativität kaum in stilistischen Richtungskämpfen verzettelt. Dabei reicht die Skala seiner Komponisten- und Arrangier-Einfälle von Nashville bis Nassau, vom weißen Country-Rock bis zum karibischen Mulatto-Beat. Die Kunstfertigkeit des blinden Allround-Musikers spielt die disparaten Genre-Zitate geschickt gegeneinander aus, probiert verblüffende Synthesen, wagt effektvolle Kontraste. Da vereinigen sich Funk-Fanfaren, afrikanische Stammesrufe, Hippie-Hymnen, Gospel-Seligkeit und harsche Protest-Pamphlete zu einem anregenden Sound-Gebräu, das dem Bauch wohltut, das Gehirnaber nicht vernebelt.

Stevie Wonders Musik ist blues-erdig und dennoch voller Phantasie, sie ist trendkundig für den Neon-Asphalt-Dschungel gemacht, ohne die Wurzeln der ländlichen Blues-Tradition zu vertuschen. „Ich werde so geschwind sein, wie das Leben es verlangt, aber nie so hastig, daß ich euch nicht mein Bestes geben könnte“, hat er auf dem Cover seines vorletzten Albums versprochen und sich zur Pein seiner Fans daran gehalten: Stevie-Wonder-Alben sind so rar wie hierzulande gute Sommer. Die bislang letzte Studio-LP, „Hotter than July“, wurde im Winter 1980 veröffentliche mung auf die nun endlich erscheinende neue Platte, „Circle in the Square“ (Quadratur des Kreises), geht derMusiker auf große Europa-Tournee. Der Beginn der deutschen Konzert-Serie war in Berlin.

Die Motown-Magier haben für ihren Star einen „Wonder-Würfel“ auf der Bühne errichtet, eine perspektivisch verzerrte quadratische Plattform, die nach hinten ansteigt und in einer draufgesetzten runden Riesenscheibe fünf Vertiefungen erkennen läßt, als sei im Spiel um die Gunst des Publikums die Fünf geworfen worden. Aus diesen Vertiefungen werde hydraulisch die Musiker und Sänger der Begleitband „Wonderlove“ gehoben, während Bruder Calvin Stevie zum Piano auf einem Podium am linken Bühnenrand geleitet. Dieses Podium „schwebt“ während des Auftritts wie auf unsichtbaren Magnetkissen zur Bühnenmitte und trifft sich dort mit einem Podest voller Synthesizer-Apparaturen, das von rechts herangleitet: Stevie kann mühelos von Akustik auf Elektronik „umsteigen“. Dieses technische Brimborium ist effektvoll, nie irritierend. Die light-show unterstützt die unentwegte Hitparade sehr einfallsreich und präzise.

Im Mai hat Stevie Wonder bei „Abschiedskonzerten“ in seiner Heimatststadt Detroit viele Songs aus dem Repertoire der frühen Jahre („My cherie amour“, „Fingertips“) zum letztenmal gesungen. Den europäischen Fans hingegen bietet er noch einmal das komplette Wonder-Repertoire an. Bei „Fingertips“ hechelt und piepst er sogar mit Hilfe eines „Harmonizers“ wie damals, als er mit zwölf Jahren für erste Konzert-Ekstasen sorgte. Er präsentiert den vorgeblich „neuen Stevie mit-einer alten Country-Schnulze, gibt sich scheinbar verletzt, tausend Fans auf seine Frage „Mögt ihr das?“ im Chor „no“ schreien und fällt dann mit bester Spendierlaune über seine grandiose Song-Kollektion her, die die „Herren“ und „Fräuleins“ von der Band (er versucht sich mit Charme an der deutschen Sprache) kongenial wiedergeben: Die Arrangements sind auf den optimalen (Ausssage-) Punkt gebracht, die Klangstaffelung der Instrumentengruppen ist dimensionsreich, die Tonqualität „kommt astrein ’rüber“. Und natürlich singt er am Schluß „Happy Birthday“, die Ode an sein Idol Martin Luther King, dessen Geburtstag vom 15. Januar nächsten Jahres an offizieller amerikanischer Nationalfeiertag ist – ein Ziel, für das sich Stevie Wonder sehr engagiert hat. Barry Graves