Von Helmut Schneider

Der Pilger erreicht nach allerlei Gefahren und weltlichen Verlockungen den Fluß des Todes. Das Ziel seiner Reise ist nicht mehr fern – am jenseitigen Ufer liegt die Himmlische Stadt. Sobald er den Fluß überquert hat, betritt er den Ort, an dem der bislang heimatlose Wanderer dauerndes Bürgerrecht erhält. Mit dem Bild des Über-den-Fluß-Setzens hat John Bunyan in dem 1678 erschienenen Erbauungsbuch „The Pilgrim’s Progress“ eine anschauliche Vorstellung von jener Grenzüberschreitung gegeben, die man gemeinhin als Tod bezeichnet und die für den Gläubigen (nicht nur im Christentum) den Übergang vom irdischen zum ewigen Leben bedeutet.

Bunyan, ein mit der Kirche von England zerstrittener Puritaner, begriff das Leben als eine Pilgerreise, die mit dem Tod endet, der wiederum die Pforte zu einer zukünftigen Welt öffnet. Ein katholischer Autor hätte das auch nicht viel anders formuliert, allenfalls einen Begriff hinzugefügt, der Bunyan ziemlich fremd war: den der Wallfahrt. Eine Wallfahrt, das Hinpilgern zu einer heiligen Stätte, an der das Göttliche gegenwärtig ist, vermittelt die intensiv erlebte Gewißheit, daß der Tod nur ein Übergang ist. Wenn nämlich Gott sich schon hier auf Erden durch Zeichen und Wunder zu erkennen gibt, dann sind Zweifel an seiner Existenz unbegründet, wird der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tode bestätigt. Der Gläubige braucht diese sinnliche Erfahrung der Epiphanie des Göttlichen eigentlich gar nicht, Tertullians Credo, quia absurdum (Ich glaube, weil es widersinnig ist) bleibt für ihn ein unverständliches Paradox, sie macht ihn aber in seiner Überzeugung noch sicherer. Und das kann nie schaden.

Wallfahrt und Tod hängen über Erfahrungen, die bestimmte Schlüsse zwingend nahelegen, miteinander zusammen – und dadurch entstehen engere Beziehungen zwischen zwei Ausstellungen in München, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Beide wurden im Hinblick auf den Katholikentag konzipiert und sind konfessionell ausgerichtet. Die eine, „Wallfahrt kennt keine Grenzen“ im Bayerischen Nationalmuseum (mitveranstaltet vom Adalbert Stifter Verein), präsentiert sich als eine Art von Bildlexikon, das alle für das Thema wichtigen Stichworte enthält, von A wie Altötting bis Z wie Ziegel von der Heiligen Pforte in St. Peter in Rom. Die andere, „Die letzte Reise – Sterben, Tod und Trauersitten in Oberbayern“ im Münchner Stadtmuseum, setzt mehr auf die Wirkung theatralisch inszenierter Tableaux (ein Bühnenbildner, Michael Hoffer, hat die Austeilung gestaltet), die den Besucher immer wieder mit der Realität konfrontieren, die hinter den gezeigten Dokumenten steht.

Die von Sigrid Metken konzipierte Ausstellung im Stadtmuseum stützt sich auf eine Fülle historischen Materials, das nicht zuletzt die folkloristischen Aspekte des Themas betont, sie geht aber aus vom Hier und Heute, von der Tatsache, daß der Tod um die Ecke lauert. Es gibt den Hinweis auf tödliche Unfälle im Straßenverkehr, auf die Intensivstation, und einmal steht der Besucher plötzlich vor einem offenen Grab. Die religiöse Massenbewegung hin zu den Gnadenorten ist dagegen aus einer stärker historischen Perspektive gesehen, ohne Hinweis zudem auf die Wallfahrt in der Antike oder im Islam.

Man hätte die für einen Nichtkatholiken ja keineswegs selbstverständlich anmutenden Pilgerreisen an Hand von durchaus weltlichen Ablegern erklären können: Sind die Leute, die noch immer zu der Stelle pilgern, an der James Dean tödlich verunglückt ist, und zum Grab von Elvis Presley, nicht auch Wallfahrer – oder bloß Neugierige? Ist nicht der tote Lenin, der einbalsamiert in seinem Mausoleum vor der Kremlmauer ruht, ein Heiliger, von dem man Wunder erwartet – und erleben wir nicht soeben einen Machtkampf zwischen ihm und der Schwarzen Madonna von Tschenstochau?

Solche aktuellen Überlegungen sind der Ausstellung fremd, und kritische Fragen stellt sie auch nicht. Warum forcierte die Gegenreformation die Marienverehrung, wie ist es zu verstehen, daß der Apostel Jakobus der Ältere, das Urbild des christlichen Pilgers, zum Maurenbezwinger umfunktioniert, der spanischen Reconquista als Schutzheiliger dient? Welche Bedeutung dem Wunder zukommt und wie es sich mit der geschichtlichen Wirklichkeit vereinbaren läßt, bleibt auch weitgehend ausgeklammert. Vermutlich war den Veranstaltern klar, daß sie sich mit der Erörterung derartiger Fragen auf gelegentlich schwankenden Boden begeben hätten. Das Wunder ist eben auch, Dostojewskis Großinquisitor spricht es unverblümt aus, ein Instrument kirchlicher Macht.