Schöner Anfang: eine deutsche Erzählerin aus Rumänien

Angst vor Freud«

Herta Müllers fünfzehn Prosastücke „Niederungen" Von Rolf Michaelis

in Todesfurcht immer wildere Bilder träumende Vorstellungskraft die Zukunft aus?

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Hat die Tochter diesen Satz wirklich am Grab des Vaters von einem „dicken Mann" gehört: „Dein Vater hat jahrelang mit meiner Frau geschlafen?" Oder wäre das die „Grabrede" gewesen, ehrlicher als alle schönen Worte, die man in solchen Augenblicken spricht?

Oder spricht Herta Müller selber, in ihren Prosastücken, eine „Grabrede", wie es der Titel „Niederungen" vermuten läßt? Als sie das Zeichen für eine „Rede" am Grab erhält, „fiel mir kein Wort ein. Die Augen stiegen mir durch die Kehle in den Kopf." Was hat die Trauerversammlung gehört? Der „Redner" spricht der Tochter des Toten das Urteil: „Wir sind stolz auf unsere Gemeinde Unsere Tüchtigkeit bewahrt uns vor dem Untergang. Wir lassen uns nicht beschimpfen sagte er. Wir lassen uns nicht verleumden. Im Namen unserer deutschen Gemeinde wirst du zum Tode verurteilt. - Alle richteten ihre Gewehre auf mich. In meinem Kopf war ein betäubender Knall. - Ich fiel um und erreichte den Boden nicht. Icl blieb quer über ihren Köpfen in der Luft liegen."

Literatur des Traums? Alptraum-Bilder, die man sich rasch als „surrealistisch" gefügig nacht? Dagegen spricht die Genauigkeit, mit der Herta Müller, auf ihrer Sprach-Insel im Rumänien zwi¬

schen Siebenbürgen und Südkarpaten, ihr Deutsch schreibt.

Auch die fünfzehn Prosastücke, die sich (eine, zwei, höchstens zwölf Seiten lang) um die mit 74 Seiten ungewöhnlich lange Titelgeschichte, „Niederungen", gruppieren, sind überlegt angeordnet: Endet die erste Erzählung mit den zwei Sätzen: „Der Wecker läutete. Es war Samstagmorgen, halb sechs", so beginnt die letzte („Arbeitstag") mit den beiden Sätzen: „Morgens halb sechs. Der Wecker läutet."

Was erzählt Herta Müller dann? Jetzt liegen nicht mehr nur Erinnerungssplitter, Traumbilder, Angstvisionen in einem Bewußtsein wirr durcheinander (und erzeugen ein Abbild der Wirklichkeit, das jeden protokollierenden Bericht an Kraft der Realität übertrifft) - nein, jetzt ist die Welt aus den Fugen: „Ich stehe auf, ziehe mein Kleid aus . . ., nehme den Kamm, trockne mich damit ab . . ., esse eine Scheibe Tee und trinke eine Tasse Brot . . . Drei Haltestellen vor dem Einsteigen steige ich aus ... Es ist wieder mal Montag, und wieder mal ist eine Woche zu Ende. Ich trete ins Büro, sage auf Wiedersehen, hänge meine Jacke an den Schreibtisch, setze mich an den Kleiderständer und beginne zu arbeiten. Ich arbeite acht Stunden."

„Verkehrte Welt" heißen solche Gedichte und Nonsense-Geschichten in den Fibeln, die Kinder entzücken, weil totale Unordnung zu einer neuen Art von Ordnung wird, weil die Welt, auf den Kopf gestellt, erkennbar bleibt. Nur heißt Herta Müllers Geschichte nicht „Traumtag", sondern „Arbeitstag". Selten ist die angestrengte Sinnlosigkeit eines Acht-Stunden-Arbeitstages mit kargen literarischen Mitteln so trostlos vorgeführt worden wie in diesem mit 28 Zeilen kürzesten Text des " Bandes. ...''.

Unübersehbar: der Etüden-Charakter dieses und anderer Stücke. Eine junge Autorin übt, prüft das Material, sucht den eigenen Stil. Da gibt es die kleine Satire: „Das Schwäbische Bad", Karikatur der sparsamen - geizigen? - „schwäbischen" (das heißt im Banaf. deutschen) Familie auf das schon von Wilhelm Busch verspottete „Bad am Samstagabend": Der Großvater steigt am Ende in die kalte Dreck-Brühe. Da gibt es die durch Trauer geschärfte Erinnerung an Tanzstunde und erste Liebe als wenig angenehme körperliche Empfindung: „Das Fenster". Da gibt es den wie mit Mikrophon und Tönband registrierten Wortsalat einer Gruppe von Menschen; weil .diese Sprachexerzise unter dem Titel steht „Der Überlandbus", darf man bei einer Autorin, die von 1973 bis 1976 Germanistik und Romanistik an der Universität Temeswar nahe der jugoslawischen Grenze studiert hat, wo sie heute lebt, an Raymond Queneaus witziges Sprach-Lese-Buch „Exercices de style" (1947) denken, das Ludwig Harig und Eugen Heimle 1961 unter dem Titel „Stilübungen - Autobus S" übersetzt haben.

Wenn wir Assoziationen und Assonanzen lauschen: Wer hört nicht, wenn davon die Rede ist, daß die Großmutter „hundert Beete voller Mohn im Gedächtnis" hat, aus der Formulierung ein Echo des Titels, den Paul Celan, Herta Müllers großer, deutschschreibender Vorläufer vom Balkan, über den Gedichtband setzte, der ihn berühmt gemacht hat: „Mohn und Gedächtnis"?

Im zentralen Gedicht jenes Bandes, „Todesfuge", heißt einer der immer wiederholten Sätze: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland." Hat man sich beim Lesen das Gespür für solche An- ?>ielungen geschärft, gibt es ein Erschrecken: Der od ist Hauptgestalt dieser „Niederungen" genannten Prosastücke, die selten den Charakter von Momentaufnahmen verlieren, um sich zu Erzählungen zu weiten. Und immer.ist der Tod ein deutscher „Meister". In den scheinbar nur sprachverliebten Stilübungen, die Herta Müllers Texte auch sind, steckt mehr Sozialkritik, als der erste Leseblick merkt.

Für die Spannungen, in denen die Autorin lebt (in zwei Sprachen; in einer politisch „östlichen", einer kulturell „westlichen" Welt) und für die Zerreißproben, denen sie sich und ihre Gestalten in den Prosastücken aussetzt, in denen die Tradition der deutschen Dorfgeschichte, der „dörperlichen Dichtung" des Mittelalters, auf böse Art weitergeschrieben wird, findet Herta Müller die explosive Formulierung von der „Angst in der Freude": Die junge Ich-Erzählerin hat „Angst, daß Angst und Freude dasselbe ist".

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  • Von Rolf Michaelis
  • Datum 24.8.1984 - 13:00 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 24.08.1984 Nr. 35
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