Höflichkeit gegenüber Gott
Vaclav Havel: „Briefe an Olga - Identität und Existenz - Betrachtungen aus dem Gefängnis" / Von Heinrich Böll
Vaclav Havel, 1936 in Prag geboren, arbeitete nach dem Militärdienst beim „Theater am Gelärder" in Prag, erst als Bühnenarbeiter und Beleuchter, bald als Dramaturg und Hausautor. Seine bekanntesten Bühnenstücke waren auch in der Bundesrepublik erfolgreich: „Das Gartenfest" (1963), „Die Benachrichtigung" (1965), „Erschwerte Möglichkeit der Konzentration" (1968), „Audienz" (1976), „Vernissäge" (1976), „Protest" (1978). NachdemEinmarschderArmeen der sozialistischen „Bruderstaaten" in die Tschechoslowakei am 21. August 1968 erhielt Havel, der auch Hörspiele und Fernsehstücke geschrieben hat, Publikations- und Aufführungsverbot und war Hilfsarbeiter in einer Brauerei. Nach der Veröffentlichung der „Charta 77" wurde er 1978 zu vierzehn Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt. Am 29. Mai 1979 wurde Havel erneut verhaftet und am 24. Oktober 1979 zu vierein halb Jahren Gefängnis orne Be , Währung verurteilt Irf der fiaft, wurde Havel stehwer fängnisklinik verlegt. Seine VerFeiolguhgsredevor dem Senat des Stadtgerichtes in Prag beendete Havel am 23. Oktober 1979 mit den Worten: „Ich sage klar, daß ich mich nicht schuldig fühle und den Glauben an die Gerechtigkeit nicht verliere "
j~~is ist kaum möglich, dieser Publikation eini1 1 germaßen gerecht zu werden; diese 145 BrieJ_Jfe sind durch die Zensur gegangen; aus naheliegenden Gründen wurde nichts, was gesirichen wurde, ergänzt, keine Erklärung von Havel selbst Es wäre wohl besser gewesen, das Nachwort von Jifi Dienstbier: „Über das Briefeschreiben" (im Gefängnis) voranzustellen; es beleuchtet die "Szene, die Havel selber in seinen Briefen nicht beschreiben kann „Schreiben X sagt Dienstbier, „darf man nur über persönliche und familiäre Dinge. Nicht zum Beispiel über den Strafvollzug. Das liegt daran, daß der Strafvollzug zu dieser Zeit die persönlichste Angelegenheit ist "
Dieses ironische Blitzficht müßte als Dauerbeleuchtung über diesen dreihundert Buchseiten stehen. Gut wäre auch, vorher zu wissen, was Dienstbier über Havel schreibt: „Vaclav Havel war eine besondere Zielscheibe der Verfolgung " Sein ganzes Auftreten Höflichkeit, „Kinderstube", rief den Eindruck hervor, er sei „weich und leicht ;zu brechen". Das war verführerisch „Um so gereizter reagierte dann die Umgebung auf Havels Unnachgiebigkeit, auf diesen, unerreichbaren Systematiker, der auch den Gefängnisspirid so präzis und ansehnlich aufgeräumt hatte, daß er als Muster für die Absolventen einer Offiziersschule hätte gelten können Die Ambivalenz im Verhältnis zu den Mitgefangenen: die „gewöhnlichen Verbrecher" steckten den politischen Pasteten, Speck, Schmalz zu, Wäsche auch, verprügelten Denunzianten; aber Havel als international bekannter Autor rief natürlich auch Neid hervor. Das wären nun wahrlich Elemente eines abenteuerlichen Gefängsnistagebuchs, das Havel nicht geschrieben hat, auch nicht den zensierten Briefen hinzufügte. So ist der „Unterhaltungswert" dieser Briefe gering, es sei denn, einer „unterhielte" sich mit dem Autor spirituell absurd „heiterer" Theaterspiele, der hier den grüblerischen Ernst offenbart, auf dem seine Arbeit beruht. Havel macht nicht tsein Ego; zum Gegenstand seiner "Grübeleien, wohl aber Sichals Exemplar der ©attunfpfensch. Seine Inheflichkeit ist nicht die egomänl Beschäftigung mit Wehwehchen, sie ist - nier darf man es sagen - existentiell.
Es wäre auch gut gewesen, in einer kurzen Vorbemerkung darauf hinzuweisen, daß die Briefe 138 und 139 die entscheidende Mitteilung enthalten, das Motiv für diesen „Prozeß", der sich über drei Jahre hinzieht. Der Angeklagte in diesem Prozeß ist Havel selbst, der von sich sagt, „daß mein Gefängnis nur eine notwendige Phase meines Lebens ist, die kommen mußte (und es ist eigentlich ein wenig verwunderlich, daß sie so spät gekommen ist)".
Jahrelang konnte er sich nicht verzeihen, daß er im Jahre 1977, als die Charta 77 entstand, bei seiner ersten Verhaftung, eher in einem Moment der Unaufmerksamkeit als Schwäche - noch nicht vertraut mit den Tücken des Systems - sich in einem Entlassungsgesuch an den Staatsanwalt, das dann veröffentlicht (!) wurde, eine Blöße gegeben, einen Augenblick den Widerstand aufgegeben hatte. Die Blöße dieses Augenblicks wurde dann öffentlich so gegen ihn gekehrt, daß seine Glaubwürdigkeit als Sprecher der „Charta 77" fraglich wurde „Es waren Wochen, Monate und eigentlich Jahre stiller Verzweiflung, in denen es an mir fraß, Jahre der Scham, innerer Vorwürfe Erst im Gefängnis, in jahrelangem Grübeln, findet er gelegentlich „Seelenfrieden", und damit „hört alles Leid des Daseins auf, Leid zu sein und wird zu dem, was die Christen Gnade nennen". Hier nimmt einer eine Strafe auf sich, auch wenn sie von den falschen Instanzen für vergebene Taten verhängt wird - er wird zum Büßer - welcher Instanz gegenüber?
Immer und immer wieder werden Werte und Instanzen genannt und betrachtet, die in der freien und „freien" Welt immer mehr in Verruf geraten: Sinn, Gewissen, Ordnung, Verantwortung. Sie werden in Zusammenhang gebracht mit überraschenden Begriffen wie „Seinsgedächtnis", „Ordnung des Geistes", „absoluter Horizont".
wird der Büßer, der eine Instanz sucht, hier zum „Gottsucher"?
- Datum 07.09.1984 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 7.9.1984 Nr. 37
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