Von Matthias Naß

Hannover, im September

Richter Otto Groschupf reckt den Hals und schnappt nach Luft. In fahriger Hast nimmt er seine Lesebrille ab, setzt seine zweite Brille auf, schiebt sie nervös auf die Stirn, rückt sie wieder zurecht. „Schluß jetzt“, schreit er in den Saal. „Herr Wachtmeister, lassen Sie räumen!“ Groschupf, Vorsitzender der Disziplinarkammer beim Verwaltungsgericht Hannover, hat sich auf seinem Richterstuhl hoch aufgerichtet. Mit zorngerötetem Gesicht wiederholt er: „Der Saal wird geräumt!“

Es ist später Freitagnachmittag, der dritte Verhandlungstag im Verfahren gegen den Hildesheimer Realschullehrer Udo Paulus. Paulus soll aus dem Dienst entlassen werden, weil er bei den niedersächsischen Kommunalwahlen im Herbst 1981 auf der Liste der DKP für den Stadtrat kandidiert hatte. „Waren Sie überrascht“, hat Richter Groschupf den Zeugen der Verteidigung gefragt, „als Sie erfuhren, daß Herr Paulus Mitglied der DKP war?“ Der Zeuge, Rektor einer Hauptschule in Hildesheim, verneint dies bedächtig: „Die DKP-Mitgliedschaft des Kollegen Paulus war eine Tatsache, die ich zur Kenntnis genommen habe, so wie ich auch die Parteimitgliedschaft anderer Kollegen zur Kenntnis nehme.“

Die knapp hundert Zuschauer applaudieren, lichter Groschupf verliert die Beherrschung: Jetzt werde geräumt. Rechtsanwalt Heinz Uthmann greift zum Mikrophon: „Die Verteidigung lehnt den Vorsitzenden Groschupf wegen Befangenheit ab. Die Saalräumung ist in jeder Hinsicht unverlältnismäßig.“ Als der Richter nicht reagiert, schiebt er gleich einen zweiten Befangenheitsantrag nach „wegen Aussetzung der Entscheidung über einen zulässigen Befangenheitsantrag“.

Die ersten Polizisten erscheinen im Saal. Vom Flur hört man Hundegebell. Da greift der Vertreter der Einleitungsbehörde, Regierungsdirektor Dieter Mlynek, vermittelnd ein: „Auch ich empfinde es als störend, daß das Publikum sich äußert. Ich habe aber die Hoffnung, daß es sich künftig ruhig verhalten wird.“ Dem „Ankläger“, das hat der Verlauf des Prozesses gezeigt, ist das ganze Verfahren eher peinlich. Nur mit inneren Vorbehalten, so scheint es, nimmt er seine Aufgabe wahr – den Nachweis zu führen, daß Udo pflicht als DKP-Kandidat seine politische Treuepflicht als Beamter verletzt hat.

Richter Groschupf ist verunsichert. Er möchte eine Eskalation vermeiden. „Ich kann es ja verstehen“, wendet er sich versöhnlich an die Zuschauer, „wenn Sie hier jemandem beistehen. Also, wie soll es denn nun sein? Soll Ruhe Vorsitzende nahm diktiert er ins Protokoll: „Der Vorsitzende nahm die Räumung zurück.“ Erschöpft lehnt er sich zurück: „So ist das: Die Ruhe ist weg, der Faden gerissen.“ Noch drei knappe Fragen an den Zeugen, dann wird die Verhandlung vertagt.