Hannoversch Münden

An Schornsteinbesetzungen, die auf gravierende Umweltprobleme aufmerksam machen sollen, hat sich der Bundesbürger allmählich gewöhnt. Die einwöchige Besetzung einer Kiesgrube in der Nähe von Hannoversch Münden Anfang September stellte dagegen eine Premiere auf der deutschen Naturschutzbühne dar.

Beschützt werden sollten Gelbbauchunken und Geburtshelferkröten, die Glänzende Binsenjungfer, das Kleine Granatauge und die Sumpfheidelibelle. Insgesamt zehn Amphibien- und 27 Libellenarten, von denen viele in ihrem Bestand gefährdet, einige sogar vom Aussterben bedroht sind, siedeln in der Kiesgrube „Ballertasche“. Dieses Juwel des südniedersächsischen Naturschutzes drohte nun durch Schlamm, der bei der Kieswäsche abfällt, zugespült zu werden.

Obwohl Kiesgruben oft als häßliche Wunden in der Landschaft empfunden werden – kahle, offene Flächen und Hänge im Gegensatz zum vermeintlich intakten Bild der Umgebung – sind sie doch häufig ökologisch besonders wertvoll. Sie bilden einen Ersatz für die vielfältigen Lebensräume, die ein naturnaher Flußlauf mit all seinen Biegungen, Sandbänken und Auen bietet, die aber durch Begradigungen und Eindämmungen weitgehend verschwunden sind.

Die Bedeutung der „Ballertasche“ ist zwar seit mehr als zehn Jahren bekannt und seither mehrfach dokumentiert worden. 1976 wurde sogar im Landschaftsrahmenplan angeregt, die Kiesgrube als Naturschutzgebiet auszuweisen. Doch dieser Plan wird ignoriert, da sich das Kiesabbauunternehmen, das das Gelände gepachtet hat, und der Besitzer, die Klosterkammer Hannover, auf die Rekultivierung zur landwirtschaftlichen Nutzfläche geeinigt haben. Das Amt für Landschaftspflege erarbeitete daraufhin einen Plan zur Schaffung eines Ersatzes für den Ersatzlebensraum. Es kehrte vorerst Ruhe ein.

Dramatisch wurde die Situation erst, als Ende August die Nachricht von der drohenden Verschlammung des Krötenrefugiums in den Naturschutzfrieden hineinplatzte. Infolge des Baus der Bundesbahn-Schnelltrasse zwischen Göttingen und Fulda wurde der Kiesabbau nämlich stark beschleunigt. Der bisherige Schlammteich war dadurch schneller voll als ursprünglich erwartet. Da die Behörden es schlicht verschlafen hatten, der Firma Auflagen zu erteilen, die den Schutz der bedrohten Tiere sichergestellt hätten, lag es für den Unternehmer nahe, just dort einen neuen Teich anzulegen, wo sich die Unken tummeln.

Die hektischen Aktivitäten der Naturschützer während der folgenden zwei Wochen – Ortsbegehungen mit Behördenvertretern, Antrag auf einstweilige Sicherstellung zwecks späterer Ausweisung als Naturschutzgebiet, Briefe an alle zuständigen Behörden bis hin zum Ministerpräsidenten Albrecht – brachten keinen Erfolg. Letztes Mittel war die Besetzung der Kiesgrube, an der sich elf lokale Naturschutzgruppen beteiligten und die eine Woche andauerte.