Von Bernd Späth

Nikolai, so scheint es, hat alle Freiheiten. Es gibt nicht allzu viel Arbeit, nur, wie er findet, „ziemlich viel Papierkrieg“. Seine kleine Zweizimmerwohnung in der aus Holz gebauten Arbeiterunterkunft ist gemütlich, im Wohnzimmer hängt eine ganze Wand voller Wimpel: aus Moskau und Leningrad zum Beispiel, aus seiner Heimatstadt Petrosawodsk und aus Jasnaja Poljana, der Geburtsstadt von Leo Tolstoi. Ist der hochgewachsene blonde Russe mit dem wettergegerbten Gesicht einmal der Zivilisation überdrüssig, steigt er in sein Dienstfahrzeug. Die Aeroflot-Station auf Spitzbergen hat zwei Motorschlitten japanischer Bauart zur Verfügung. Als arktisches Fortbewegungsmittel längst unersetzlich, haben die „Scooter“ die Hundeschlitten verdrängt.

Nikolai und seine Kollegen Jurij und Wassilij leben als einzige von den 2500 Sowjetbürgern auf Spitzbergen in der Norwegersiedlung Longyearbyen, während die anderen Russen in Barentsburg und Pyramiden Kohle abbauen. Auf der norwegisch „Svalbard“ („Kalte Küstegenannten Inselgruppe, mit 62 300 Quadratkilometern so groß wie Dänemark, regieren seit dem „Svalbard-Trakt“ von 1920 zwar die Norweger, jedoch mit Beschränkungen ihrer Souveränität: Im ersten Vertrag, den der frisch gegründete Völkerbund zustande brachte, ging das bis dato herrenlose Gebiet an Norwegen, doch sicherten sich die 32 Unterzeichnerstaaten das wirtschaftliche Nutzungsrecht auf der arktischen Inselgruppe zwischen dem 76. und 81. Breitengrad. Die Wale hat man längst ausgerottet, die Robben dezimiert und die Eisbären ebenfalls an den Rand des Aussterbens gebracht. Aber der Kohlereichtum Spitzbergens ist so verlockend, daß neben den 1500 Norwegern und den Russen nun auch die Finnen Interesse zeigen: Im Gipstal, nahe beim Sassenfjord, steht ein kleiner hölzerner Fertigbau, eine finnische Forschungsstation, von der aus zwei Kanadier geophysikalische Messungen unternehmen.

Etwaige Kohlefunde sollen per Schiff in den Bottniscnen Meerbusen gebracht werden und die Kraftwerke im nordfinnischen Kemi versorgen. Bis dahin allerdings ist es noch ein weiter Weg, den man zweckmäßigerweise nicht ohne Schießeisen antreten sollte: Bis dreieinhalb Meter hoch und 700 Kilogramm schwer sind die Eisbären. Seit 1983 werden sie international geschützt, und so vermutet Thor Larsen, renommierter Eisbärforscher in Oslo, daß es auf Svalbard inzwischen wieder circa 2000 Exemplare gibt. „Nach meiner Schätzung könnte man jährlich 100 bis 150 Tiere zum Abschuß freigeben, ohne den Bestand zu gefährden. Allerdings möchte die norwegische Regierung nicht aus dem Schutzabkommen ausbrechen, deshalb dürfen sie weiterhin nur in Notwehr erlegt werden.“

Allgemein greifen die eher scheuen Tiere nur dann an, wenn sie sich selbst angegriffen fühlen oder wenn sie ausgehungert sind. Carl A. Wendt, der norwegische Gouverneur („Sysselman“), konfisziert anschließend das Fell und leitet eine kleine Verhandlung, in der über die Rechtmäßigkeit des Abschusses entschieden wird. „Im vergangenen Sommer hatten wir zwei solcher Fälle. Bei beiden Tieren ergab die Obduktion, daß sie abgemagert waren und völlig leere Mägen hatten.“ Die Felle werden einmal im Jahr zugunsten des Staates versteigert. „Ein Winterfell bringt auf dem Schwarzmarkt bis zu 10 000 Dollar. Wenn wir es dem Schützen überlassen würden, hätten wir hier bald mehr Notwehrfälle als Eisbären“, kommentiert der Gouverneur.

Während der vier Monate langen arktischen Winternacht ist der Eisbär regelmäßiger Besucher auf der Rollbahn von Longyearbyen-Airport und schnuppert schon mal am Holzbau von Svalbard-Radio. Oder er trottet grimmig in die Siedlung, um dort einen japanischen Kleinwagen zu attackieren. Spätestens aber bei seinem Auftauchen am Dorfrand schickt der Sysselman seine Männer mit laut krachenden Blendgranaten los, um den zotteligen Eindringling zu vertreiben. Geschossen wird nur im äußersten Fall, denn die Norweger hängen voller Zärtlichkeit an ihren arktischen Lebensgefährten: „Letzlich dringen nicht die bei uns ein, sondern wir bei ihnen“, philosophiert Thor Grindhaug, Lehrer am Gymnasium.

Ja, es gibt ein Gymnasium. Seit 1975 der Störfing, das Osloer Parlament, beschloß, daß mit der Einrichtung eines Flughafens nicht nur zwei Linienmaschinen pro Woche nach Spitzbergen kommen sollten, sondern auch Zivilisation und Wohlstand, änderte sich das Leben. Waren früher die Menschen von Ende Oktober bis Mitte März durch das Packeis vom Festland abgeschnitten, so kann mit den DC-9-Maschinen nun auch der Auftrag des Gesetzgebers, den Lebensstandard dem auf dem Festland anzugleichen, erfüllt werden. Etwa 200 arktische Sprößlinge stiefeln dem Spitzbergener Abitur entgegen.