Junge Schweizer LiteraturFluchtversuche

Markus Werners Roman „Zündels Abgang von Peter Burri

Von Peter Burri

Hütet euch vor der Verbrüderung mit der Realität! Sobald ihr, sei es aus Anlehnungsbedürfnis, sei es aus Laufbahngeilheit, den Pakt mit ihr geschlossen habt, seid ihr des Teufels.“ Gewiß ungewöhnliche Worte, die der Lehrer Zündel nach den Sommerferien an seine verdutzten Schüler richtet: „Erziehung ist pausenlose, berechnende, ideenreiche Angsterzeugung, und wer das leugnet, ist ein korrupter Schuft und gehört mit glühenden Zangen gekniffen!“ Am Ende seiner Ansprache erbricht sich Zündel auch körperlich, er kotzt die Klasse sozusagen an und bricht zusammen. Erste Station: Krankenhaus. Zweite Station: Psychiatrie. Dann: Flucht – Zündel ward nicht mehr gesehen.

Dem dramatischen Schluß von Markus Werners Erstlingserzählung („Roman“ genannt) mit dem Titel „Zündels Abgang“ gehen allerlei andere Befreiungsversuche des Helden voraus, die kläglich scheitern. Lehrer Zündel, jung, doch „irgendwie igelig, irgendwie unzugänglich“, ein richtig verstockter Schweizer voller zeitgenössisch intellektuellem Wissens-Schwemmgut, wie man eigentlich leben müßte, reist allein in die Ferien. Mit seiner Frau – die Ehe zeigt erste Ermüdungserscheinungen – hat er getrenntes Reisen vereinbart. In Ancona fällt ihm ein Stiftzahn aus. Das ist sinnbildlich: Zündel hatte nie irgendwelchen Biß, benötigte diesen Zahn keineswegs. Schnurstracks fährt er, statt nach Griechenland überzusetzen, in die Schweiz zurück – und wird im Zug bestohlen. Seine Frau. ist unangenehm überrascht, daß er schon wieder da ist. Sie möchte ein wenig für sich sein und fährt zu einer Freundin in die nächste Stadt.

Anzeige

Zündel, versehrt von der Realität des Anpassungszwangs im Lehramt, entwickelt rasende Eifersucht aufgrund falscher Daten und reist ein zweites Mal nach Italien, diesmal nach Genua, um Abenteuerluft zu schnuppern. Aber alles geht schief. Die Milieu-Hirsche, bei denen er sich einen Revolver kaufen will, hauen ihn übers Ohr. Der Versuch, einer Hure beizuwohnen, wird abgebrochen. Dafür fliegt Zündel in Portofino eine Frau zu, die ihn anonym umschwirrt; sie benützt ihn 24 Stunden lang als dreidimensionale Leinwand für ihre erotischen Projektionen. Gelegentlich schimpft Zündel auf die heutigen Frauen: Wie Mann es macht, ist’s nicht recht. Meistens säuft er im Hotel, zum Frühstück schon Schnaps, und schreibt Notizen, Bestandteile eines „neuen Wörterbuches“, etwa: „Flatterhaftigkeit heißt Flexibilität“. Oder: „Angst vor dem Verlust der Geliebten heißt kapitalistisch verseuchtes Besitzdenken.“ Oder auch einfach nur: „Stinken heißt duften. Duften heißt stinken.“ Da bleibt dem Antihelden denn tatsächlich nur das allmähliche Verduften übrig: ein zyklisch zunehmender Abbruch seiner Beziehungen zur Umwelt.

Markus Werner behandelt seinen Zündel mit angenehmer Distanz, mit trockener Ironie; der Zwangsaussteiger wird zum Fall, ein rühriger Pfarrer kann sich zuletzt noch am ehesten Zündel nähern.

Ein nicht unkluges Buch, es tippt mit viel Schreibökonomie und keinerlei Längen, mit einigen Pointen und auf dem Bewußtseinsstand von 1984 alles an, was die Schweizer Literatur schon seit langem als Thema hat: Das Ausbrechenwollen aus einem Gesellschaftsgefüge, wo alles gut und vernünftig sein soll; Variante Beziehungen: Man möchte lieb miteinander sein – und es ist zum Ersticken.

Daß man Werners Buch trotz geradezu superrealistischer Ausgangssituation genießen kann, ist der geschickten, scheinbaren Leichtigkeit zu verdanken, mit der ein Autor da seinen Helden zwickt und zwackt. Da schreibt kein 20jähriger einen ersten Versuch einer Abreaktion, sondern ein 40jähriger und gewiß nicht konformer Lehrer.

Manchmal holt ihn Unverdautes ein, zum Beispiel, wenn Werner schreibt: „Und die Wörter stinken, die Sätze stinken, als ob sie ausgeschlüpft wären aus den hämorrhoidenbekränzten Mastdärmen pestkranker Idioten.“ Oder wenn der Autor sich in nicht nur plumpen, sondern auch noch schiefen Metaphern ergeht: „Tatsachen spreizen die Schenkel und gewähren korrupten Sprachstücken Einlaß. Das Substantiv hat ein steifes Adjektiv und rammt die Wirklichkeit von hinten.“ Da kann man mit Lehrer Zündel nur noch sagen: „O Sumpf.“ Der Held meint den Pressemief.

Dem Autor ist im Ganzen selber ein frisches, kleines Erzählstück gelungen, das Bekanntes eigenmächtig variiert.

Zur Startseite
 
Service