Eine neue Zeit ist angebrochen. Keine neue Kunst-Zeit, sondern eine neue Titel-Zeit. „Ein anderes Klima“ heißt eine Ausstellung, die in der Kunsthalle Düsseldorf läuft. „Von hier aus“ heißt die von Kasper König inszenierte „Veranstaltung der Gesellschaft für aktuelle Kunst e. V.“, die am vergangenen Wochenende in der Halle 13 der Düsseldorfer Messe ihren Anfang nahm. „Es ist wie es ist“ heißt die gleichzeitig vom Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen eröffnete Ausstellung junger deutscher Künstler. Und Oberbürgermeister Josef Kürten, der vertrauensvoll vom Wahlplakat lächelt, kann da nur einstimmen: „Gesagt, getan“!

Oder ist vielleicht nur eine neue Düsseldorf-Zeit angebrochen? Mit dem Museum der Preziosen, das sich hinter dem Amtsstubenschild Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen verbirgt und mit der mit Stars und Sternen bestückten Kunstakademie ist Düsseldorf ja nicht ohne Glanz. Aber, daß Köln, an das man nun auch den „Internationalen Kunstmarkt“ endgültig verloren hat, so viel öfter im Kunst-Gespräch ist, das schmerzt in der Landeshauptstadt. Und diesem Schmerz will man abhelfen. So stampfte man nicht nur, mit der deutlich formulierten Absicht, die imposanteste Kunstausstellung des Jahres auf die Beine zu stellen, eine „Gesellschaft für aktuelle Kunst“ aus dem Boden; auch ein „Gesprächskreis Kunst“ konstituierte sich, der in einem Thesenpapier darauf dringt, nicht nur mehr, sondern vor allem auch mehr aus sich zu machen. Beides sind Privatinitiativen, und daß hier nicht lange geredet und gefackelt wird, kann man nicht zuletzt daraus sehen, daß die fast drei Millionen Mark, die Kasper König für seine Ausstellung zur Verfügung standen, von Banken, der Industrie und anderen Spendern ohne großes Federlesen aufgebracht wurden. Natürlich ist man, das gehört wohl zum Rhein-Ruhr-Stil dazu, auch dementsprechend deutlich mit seinen Ansprüchen und Erwartungen. Von „repräsentativ“, „Markstein“ und „Orientierungspunkt“ war da in den Eröffnungsreden der Finanziers rührend viel und selbstverständlich forsch die Rede.

Da hält sich der so üppig finanzierte Ausstellungsmacher schlauerweise schon sehr viel bedeckter: „Ein detailliertes Programm zu entwerfen, schien mir nicht wünschenswert, weil eine Konzeption sich erst während der Vorbereitung herauskristallisierte“, schreibt Kasper König im Vorwort zum Katalog, und mit gut einer Seite ist es das kürzeste Vorwort, das es jemals zu einer Kunstausstellung diesen Ausmaßes gegeben hat. Wozu wiederum paßt, daß die 14 000 qm Ausstellungsfläche für den reziproken Superlativ sorgen.

„Von hier aus“ – der Titel, Beuys-Handschrift in Neon, zieht den Besucher über eine sanft ansteigende Holzrampe hinauf und in den Eingang hinein, wo er sich in einer sehr angenehmen Position befindet: auf einer balkonartigen Empore kann er, über den Dingen stehend, zunächst einmal jene Landschaft aus Häusern, Pavillons und Kojen aus der Vogelperspektive betrachten, die sich da unter ihm ausbereitet. Da man in die meisten dieser Räume und Häuser aber nicht von oben hineinschauen kann, fallen von diesem Standpunkt aus vor allem drei große, freistehende Installationen auf: gleich zu Füßen des Betrachters ein kreisrundes, flaches Holzbecken, auf dessen neun Meter Durchmesser großem Grund 5000 Würfel ausgebreitet sind (so sagt es der Katalog). Blickt man von dort auf, so prallt der Blick ganz unvermeidlich auf einen kaminartigen Backsteinturm in der Ferne, der mit seinen zwölf Metern Höhe alles andere in dieser Halle überragt und dieser Baukasten-Gemeinde sowohl als Mahnmal wie auch als Generalabzug dienen könnte. Schweift der Blick dann weiter in die Runde, so bleibt er an einem riesigen Kronleuchter hängen, der, an der Decke montiert, aus 99 in fünf konzentrischen Kreisen montierten Fernseh-Monitoren flimmert und funkelt. Das Würfel-Becken ist von dem Franzosen Robert Filliou, der Backsteinturm von dem Dänen Per Kirkeby, der Fernseh-Lüster von dem Koreaner Nam June Paik – daß sie in einer Ausstellung zu sehen sind, die neben dem fabulösen Obertitel auch noch den Untertitel „Zwei Monate neue deutsche Kunst“ trägt, darf, vor hier aus, doch wohl erstaunen.

Natürlich: Gründe für Ausnahmen von der Regel gibt es immer (zum Beispiel: alle drei sind oder waren an deutschen Kunstakademien beschäftigt). Oder hatte man auf einmal Angst vor der eigenen deutschen Courage? Oder ist auch dieser Untertitel als freibleibendes Angebot zu verstehen? Nomen est omen, Namen sind Schall und Rauch, wie es euch gefällt? Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man zum Beispiel feststellt, daß die Bilder von Salome von 1978/79 und die von Lüpertz gar von 1966 sind und der Beitrag von Beuys von 1980 ist. Wie neu ist neu dann eigentlich – von hier aus? Und wieso finden einige Beiträge überhaupt nur spirituell und imaginär im Katalog statt und sind in der Ausstellung gar nicht zu sehen (zum Beispiel die Arbeiten von Hans Haacke, Lothar Baumgarten und Bernd und Hilla Becker)?

Von hier aus, von mir aus, warum nicht: Hinunter die hölzerne Freitreppe und hinein in die Buden-Stadt, die die Messehalle in menschliche Proportionen bringt, die von oben fröhlich und luftig aussient. ein Eindruck, der sich, wandert man dann durch das Geschehen hindurch, sehr modifiziert.

Da sind am Rand die großen Pavillons, Museen oder auch Mausoleen ähnlich, in denen die Alten Meister von heute residieren. Ulrich Rückriem zum Beispiel, dessen drei gewaltige Granitreliefs, Monumente der Auseinandersetzung von Mensch und Natur, zu den eindrucksvollsten Exponaten der Ausstellung gehören. Oder Georg Baselitz, dessen zweigeteilter Raum, durch zwei schmale Treppendurchgänge verbunden, einer Kircnenraum-Inszenierung gleicht: im einen Raum, hoch an den Wänden, hängen die beiden Bilder „Brückenchor“ und „Nachtessen in Dresden“, im anderen, kleineren Raum, man fühlt sich wie im Allerheiligsten, steht eine seiner großen, rauhen Holzskulpturen mit abweisender Geste. Oder auch Gerhard Richter, der eine Gruppe seiner kalkuliert abstrakt expressionistischen grellfarbigen Bilder mit zwei kleinen, realistischen Landschaftsporträts fast exemplarisch kollidieren lassen.