Von Hartmut Urban

Lange, allzulange ist es still um die Germanistik gewesen. Vergessen war die wilde Zeit ihrer Fachtagungen zwischen 1966 und 75. Ebenso die generöse wundersame Vermehrung germanistischer Stellen. Verwöhnt und der profanen Realität ein wenig entrückt, gefiel man sich im neuen Dünkel, pfiff wohl auch in Selbstüberschätzung auf eine notwendige Imagepflege der eigenen Zunft.

Im Hamburger CCH 1979 wie im Krönungssaal des Aachener Rathauses drei Jahre später verschafften sich die Hüter der Sprache zwar den ihnen gebührenden äußeren Rahmen, blieben aber ungeachtet der prognostizierten Krise ihres Faches unpolitisch unter sich. Die Tagungen erinnerten eher an ein verschworenes Kameradschaftstreffen, als an eine Zusammenkunft ausgewiesener Fachleute, die einer interessierten Öffentlichkeit Wichtiges mitzuteilen hätten. Vollends gelungen schien der Rückzug in den Elfenbeinturm, als bekannt wurde, daß der Germanistentag 1984 in Passau stattfinden würde. In Bayern, nun ja. Aber mußte es ausgerechnet der hinterste Winkel der Republik sein?

Was treiben Wissenschaftler heute, deren Existenzberechtigung bisher darin bestand, über neunzig Prozent ihrer Studenten auf das Lehramt vorzubereiten? Verkriechen sie sich angesichts der schlechten Perspektiven fernab jeder Zivilisation, um nach vollzogener Amputation ihres Standbeins „Lehrerausbildung“ erst einmal zu kuren? Die Arrivierten des Faches sind vielfach mit sich selbst beschäftigt, während der wissenschaftliche Nachwuchs nach Profilierung heischend Publikation um Publikation heraushaut, deren Nomenklaturbarock mehr oder minder notdürftig die thematische Harmlosigkeit mancher Auseinandersetzung verbirgt.

Im Nikolakloster des jungen Universitädtchens (4000 Studenten), das so stolz ist auf die wohl einmalige „fachspezifische Fremdsprachenausbildung für Jura und WiWi“, vollzog sich wider Erwarten die längst fällige Kurskorrektur des Deutschen Germanistenverbandes. Die hohe Teilnehmerzahl von über sechshundert weither Angereisten streßte die Gastgeber spürbar. Waren auch manche namhafte Mitglieder des Verbandes verhindert, so schienen wohl nur die bayerischen Professoren die Passauer Tagung zu boykottieren. Welche Ironie, daß der einzige, der „Bayer“ hieß und aus Hannover kam, derart elitär-konservativ zum Thema „Sprachlernen, Sprachwissenschaft und Sprachkultur“ vom Leder zog, daß es manchem Zuhörer noch lange in den Ohren klingeln wird. Es sei, meinte er mit Blick auf die neuen Bonner Herren, in einer Demokratie notwendig, hohe sprachliche Leistungen auch im Bereich der Schriftkultur zu erreichen, und – deshalb sei es natürlich, soziale Ungleichheiten, die sich in sprachlicher Kompetenz niederschlagen, anzuerkennen. Die anwesenden Wissenschaftler, die auf solch pauschale Wertungen sachlich nichts erwidern wollten, drückten ihre Bestürzung in dem Satz aus: „Wenn das die Nachwuchsgeneration der Fachdidaktik ist, dann gute Nacht!“

Bereits die Wahl des Eröffnungsredners signalisierte die neuerliche Politisierung der Germanistik. Der ehemalige Präsident der Freien Universität Berlin, Eberhard Lämmert, der schon seinerzeit auf dem Münchener Germanistentag 1966 mit Conrady, Killy und von Polenz die historische Mitschuld der Germanistik während der Naziherrschaft beim Namen nannte, konstatierte angesichts eines „verordneten Ruins“ der Germanistik durch behördlich erzwungene Studienplan-Normen: „Es liegt auch an uns, der Öffentlichkeit zu zeigen, daß und warum sie sich den Verlust einer Generation junger Wissenschaftler in den Fächern der Geisteswissenschaften um ihrer selbst willen nicht leisten kann.“

Tatsächlich überschattete die Nachricht vom Freitod eines der Sektionsreferenten die Tagung, war dieser Schritt doch zumindest beeinflußt durch die außerordentlich schwierige Lage, in der derzeit etwa 50 Privat-Dozenten stecken. Ausgewiesen durch die höchste Qualifikation, die eine deutsche Universität zu vergeben hat, droht diesen Überqualifizierten die Arbeitslosigkeit.

Derselbe Staat, der seinerzeit die Eingänge jenes Bildungstunnels öffnete, versperrt heute die Ausgänge. So stellte der bisherige Vorsitzende der Hochschulgermanisten, Georg Stötzel, ein Selbsthilfeprogramm des Verbandes vor, das durch eine Informationsbörse wenigstens die schlimmsten Auswirkungen für die heute etwa vierzigjährigen Familienväter und Professoren ohne Lehrstuhl andern soll.

Auf dem hochschulpolitischen Forum zum Thema „Germanisten ohne Beruf“ redete der ebenfalls von der Erwerbslosigkeit bedrohte Privatdozent und Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Schutte, Tacheles. Seiner Meinung nach rührt die weitverbreitete Lethargie der Germanisten, die sich nicht wehren, statt dessen zähneknirschend, aber doch letztlich beinahe willfährig alle ministeriellen Auflagen erfüllen daher, daß gerade diejenigen ein latentes Bewußtsein von der Überflüssigkeit des Faches haben, die in ihm arbeiten. Daher seien sie in den letzten Jahren nicht zu mobilisieren gewesen. Wer im Schweigen verharre, stünde nur vor der Alternative, das Fach entweder als Orchideen- oder Akzeptanzwissenschaft zu begreifen. Die Aufgabe einer Akzeptanzwissenschaft sei es allerdings, den Übergang zur Informationsgesellschaft zu erleichtern, was bedeutet: „Es wird genau der Teil des Faches vermarktet, der vermarktbar ist, und alles andere fällt hinten runter.“

Wer nicht warten könne, bis die Administration die Probleme der Germanistik löse, müsse die Frage nach dem Adressaten stellen. Germanistische Inhalte kämen dem Bildungsbedürfnis der Bevölkerung durchaus entgegen, zumal denen, „die darunter leiden, daß sie ihre Interessen nicht vertreten, weil sie nicht richtig sprechen und schreiben können, oder die darunter leiden, daß ihre Erfahrungsfähigkeit kaputtgemacht wird“. Doch diese Bildungsbedürfnisse könne die Germanistik nicht ansprechen, „weil sie die wissenschaftliche Aufgabe versäumte, entsprechende Formeln für diese Ansprache zu schaffen“. Literatur und Literaturwissenschaft beispielsweise müsse es nicht für den Staat geben, sondern für das Lesepublikum und die Leser von morgen. Die Ausdehnung und Demokratisierung der Lesekultur unserer Gesellschaft sei die wichtigste Aufgabe, der sich eine so verstandene Germanistik zu widmen habe.

In einer Resolution, die sich an die Kultus- und Finanzminister der Länder richtet, „appelliert, registriert und ersucht“ der Hochschulgermanistenverband, ohne einmal tatsächlich selbstbewußt zu fordern. Bernard Weisgerber bedauerte denn auch, noch nie sei die Ministerialbürokratie so ungeschoren davongekommen, obwohl doch gerade sie für einen Großteil der Misere die Verantwortung trage.

Der neue Vorsitzende, Norbert Oellers, resümierte: „Ich befürchte, daß sich die Verhältnisse bis zum nächsten Germanistentag nicht verbessern werde, so daß es notwendig sein wird, die Germanisten stärker zu solidarisieren und mehr denn je in die Öffentlichkeit zu gehen. Der nächste Germanistentag könnte ein halb-politischer werden; der Passauer war als viertel-politischer geplant. Daß es nicht so ganz geglückt ist, liegt wohl an der Liebenswürdigkeit und dem Harmoniebedürfnis vieler Kollegen. Aber gerade dadurch sind uns die Probleme, vor denen wir stehen, ganz besonders deutlich geworden.“