Seit vierzig Jahren ist die kostbarste Kriegsbeute der Deutschen verschollen. Hunderte von Spuren wurden verfolgt. Aus der DDR kommen neue Erkenntnisse.

Von Karl-Heinz Janßen Unter Mitarbeit von Georg Stein

Ein Schatz wird gesucht. Ein Schatz wie im Märchen. Dunkelbraun, mattgelb, weißgolden schimmernde Steine, warm und weich glänzende Mosaiken, Akanthusranken und Rosetten, blitzendes Kristall, glitzernde Lüster, funkelnde Leuchter – das Bernsteinzimmer.

Ein Schatz – versunken auf dem Grunde des Meeres wie einst Vineta, verbrannt in den Feuerstürmen des Krieges, vergraben in tiefen Schächten, verschlossen im Hause einer reichen Familie – wer weiß!

Die Besucher aus der Bundesrepublik drängeln sich durch die Zimmerfluchten des Katharinenschlosses, der ehemaligen Sommerresidenz der Zarenfamilie in Puschkin, dem einstigen Zarskoje Selo. „Und hier“, hebt die Reisebegleiterin Tamara aus Leningrad ihre Stimme, „befinden Sie sich im Bernsteinzimmer.“ Das Deckengemälde ist restauriert; doch die Wände sind nackt, bis auf eine einsame mattglänzende Bernsteinpaillette, zum Zeichen, wie schön es hier nach der vollständigen Erneuerung aussehen wird. „Die herrliche Wandtäfelung und die Spiegel sind im Krieg verschollen.“ Mehr sagt Tamara nicht. „Hat sich wohl ein General in die Tasche gesteckt“, witzelt ein Tourist im unverfälschten Manger-Deutsch, und ahnt gar nicht, wie nahe er der Wahrheit ist.

Kriegstagebuch des Armeeoberkommandos 18 bei der Heeresgruppe Nord, 29. September 1941, 16 Uhr: „Rittmeister Graf Solms vom OKH (Oberkommando des Heeres) mit der Erfassung der Kunstgegenstände in dem Zarenschlosse beauftragt, bittet um Schutz für das Zarenschloß Puschkin, das durch Bombentreffer leicht zerstört und zur Zeit in vorderster Linie durch unachtsames Verhalten der Truppe gefährdet ist. Mit der Sicherung wird L. A. K. (50. Armeekorps) beauftragt.“

Die deutschen Truppen hatten gerade ihren Belagerungsring um die Millionenstadt Leningrad geschlossen; das Zarenschloß lag in der Kampflinie und im Bereich der Kronstädter Schiffsgeschütze. Eine russische Bombe hatte den großen Saal aufrissen, Fenster und Türen zerstört. Nicht nur Wind und Wetter hatten freien Zutritt, auch die deutschen Soldaten und ihre Kameraden von der spanischen Blauen Division. In dem Raum, wo die pornographische Sammlung Katharina der Großen zu besichtigen war, mußte man sogar die Fenster mit Brettern vernageln, so groß war der Andrang der Landser. Auf dem Parkett lagen historische Landkarten im Kot. Im Bernsteinzimmer waren schon allerhand Stücke aus den unteren Teilen mit Bajonetten herausgebrochen worden.

Solches Bild bot sich den deutschen Kunstschutzoffizieren: Rittmeister Dr. Ernst Otto Graf zu Solms-Laubach aus Frankfurt und seinem Begleiter, Hauptmann Dr. Georg Poensgen aus Berlin. Beide unterstanden dem Chef der Heeresmuseen. Im Zivilberuf waren sie Kunsthistoriker und arbeiteten für die preußische Verwaltung Schlösser und Gärten. Was die Sowjets auf ihrer Flucht zurückgelassen hatten, wurde nun von ihnen vor der Zerstörung und Plünderung „sichergestellt“: kistenweise Möbel, Porzellan, Gemälde, Kronleuchter; sogar Parkettfußböden ließ Graf Solms entfernen. Das Kostbarste aber waren die Wandverkleidungen des Bernsteinzimmers.

Ein Unteroffizier und sechs Mann von der 3. Kompanie des Nachschubbataillons 553 montierten in nur 36 Stunden Arbeit das Getäfel behutsam ab (die Mosaiken waren auf Holzplatten geleimt und miteinander verschraubt) und verpackten es sorgfaltig in Kisten. Lastkraftwagen brachten die Kunstgüter zum Bahnhof Siverskoja.

Rettung von Kunstschätzen aus dem Kampfgebiet steht im Einklang mit der Haager Landkriegsordnung. Die Schätze aus den Zarenschlössern wurden zunächst auch korrekt im Etappengebiet der Heeresgruppe Nord verwahrt, teils in Pleskau, teils in Riga. Nur eben das Bernsteinzimmer nicht – es rollte bereits am 14. Oktober nach Königsberg. Einen Monat später, am 13. November 1941, meldete die Königsberger Allgemeine Zeitung: „Wände aus Bernstein im Schloß“.

Alfred Rohde, der Direktor der Königsberger Kunstsammlungen, hatte dieses Meisterwerk barocker Inkrustationstechnik im Obergeschoß des Ordensschlosses, gleich neben dem Lovis-Corinth-Gedächtnissaal, wiederaufbauen lassen. Rohde, ein exzellenter Kenner der Bernsteinkunst, hatte selber bei Feldzugsbeginn darum gebeten, das Bernsteinkabinett zu retten. Sein Vorgesetzter, Direktor Gall von Schlösser und Gärten in Berlin, sorgte für die Überführung nach Königsberg.

Freilich war das neue Zimmer kleiner als das alte in Puschkin; darum mußte Rohde die langen schmalen Spiegelfelder und die mit Bernstein besetzten Füllstücke weglassen. Auch fehlten noch zwei Türen. Rohde forderte sie am 13. Januar 1942 nach, und sie wurden auch prompt Ende Januar mit der Bahn geschickt – wohlgemerkt zu einer Zeit, als die Heeresgruppe Nord in der Winterschlacht schwer zu ringen hatte.

Im Frühjahr hatte der ostpreußische Landeshauptmann Helmut von Wedelstädt das Bernsteinzimmer feierlich in die treuhänderische Obhut der Stadt gegeben. Es wurde zur Besichtigung freigegeben und sogleich in die fünfte Auflage von Rohdes Schloßführer aufgenommen: „Bernsteinzimmer Friedrichs I. aus Zarskoje Selo bei Leningrad“. Inmitten der neuen kostbaren Umgebung standen die Vitrinen mit den Bernsteinarbeiten der städtischen Sammlungen.

Zweifelsohne sollte dieses Juwel der Bernsteinkunst nach dem als sicher erwarteten Sieg über die Sowjetunion für immer in Deutschland bleiben. So schrieb Alfred Rohde 1942 im Augustheft der Kunstzeitschrift Pantheon, das Bernsteinkabinett sei „zurückgekehrt in des Wortes bester und tiefster Bedeutung in seine Heimat, der (sic!) eigentlichen und einzigen Fundstelle des Bernsteins.

Die Begeisterung des Museumsdirektors war begreiflich, doch genaugenommen hätte das Zimmer, wenn überhaupt, nach Berlin gehört. Dort nämlich hatte es Zar Peter der Große im Stadtschloß zum erstenmal bewundern können. Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. hat es ihm dann 1717 geschenkt, sozusagen als Unterpfand für das Bündnis zwischen Rußland und Preußen.

Die Idee, sich eine prunkvolle Galerie oder einen Festsaal aus Bernstein zuzulegen, war dem ersten Preußenkönig, Friedrich I., schon bald nach seiner Krönung 1701 in Königsberg gekommen. Noch im selben Jahr beauftragte er den dänischen Bernsteinschneider Gottfried Wolffram; als dieser ein zu hohes Honorar verlangte, haben zwei Danziger Bernsteinmeister die Arbeit vollendet.

Die zwölf Wandfelder und zehn Sockelstücke des Kabinetts konnten beliebig und verschieden zusammengefügt werden. Umstritten bleibt unter Kunsthistorikern, ob die Täfelung eine Zeitlang an einer langen Wand des Schlosses Charlottenburg hing (oder in Oranienburg?), ehe sie im Schloß am Lustgarten, ausgerechnet im Tabakszimmer, untergebracht wurde. Peter der Große ließ das Geschenk mit militärischer Begleitung auf Schlitten von Memel nach Petersburg bringen. Seine Tochter Elisabeth hat es dann 1755 nach Zarskoje Selo überführt.

Dort ließ der Architekt Graf Carlo Rastrelli das Kabinett durch den italienischen Bildhauer Martelli in einen Festsaal verwandeln; auch fünf Meister aus Königsberg arbeiteten mit. Der annähernd quadratische Raum (10,55 mal 11,50 Meter) mit seinen sechs Meter hohen Wänden und drei großen Fenstern beherbergte fortan ein Kunstwerk, das preußischen Barock und russisches Rokoko in sich vereinte. Die Panneaus und Rahmen aus ungezählten Bernsteinplättchen waren verziert mit Basreliefs, kleinen Büsten, Figuren, Wappen und Initialen. Rastrelli legte holzgeschnitzte Supraporten über reichverzierte Türen und ließ 24 Kristallspiegelfelder einziehen. An vier Stellen wurden die Spiegel durch Steinmosaikbilder ersetzt: toskanische Landschaften mit allegorischen Darstellungen der Sinne.

Im Jahre 1942 richteten sich schon bald begierige Blicke auf dieses herrliche Kunstwerk, dessen materieller Wert heute auf mindestens 50 Millionen Dollar geschätzt wird. Die Militärs hätten das Bernsteinzimmer gern für das Heeresmuseum kassiert, das in Breslau oder auf der ostpreußischen Feste Boyen bei Lotzen eingerichtet werden sollte. Das Ostministerium unter Reichsleiter Alfred Rosenberg wiederum wollte es als Zierde des deutschen Ostimperiums erwerben. Dagegen stemmte sich aber der Oberpräsident von Ostpreußen, Gauleiter Erich Koch, der selber als Gouverneur der Ukraine an Kunstwerken zusammensteht, was er bekommen konnte. Reichsmarschall Hermann Göring hätte das Bernsteinzimmer in seine Sammlungen zu Karinhall aufnehmen mögen. Auch Reichsaußenminister von Ribbentrop mischte mit: In seinem Auftrag zog ein Bataillon der Waffen-SS z. b. V. durch die Lande, das von dem Legationsrat Eberhardt von Künsberg kommandiert wurde und vor allem Archive und Bibliotheken requirierte, so auch in Puschkin.

Den größten Beutezug in den besetzten Ländern aber unternahm der „Einsatzstab Rosenberg“, der von Hitler eigens dafür bestimmt war, Kulturgüter „sicherzustellen“. Über allen Kunsträubern thronte „der Führer persönlich“, was sich im Volk noch viel zu wenig herumgesprochen hat. Hitler hat sich kurz nach Beginn des Raub- und Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion „die Entscheidung nicht nur über beschlagnahmte Gemälde, sondern auch über beschlagnahmte Skulpturen, Bücher, Möbel, Gemmen, Waffen, Teppiche usw.“ vorbehalten.

Nach dem Kriege wollte Hitler in seiner Heimatstadt Linz das größte europäische Kunstmuseum einrichten. Zu diesem Zweck reiste als sein Beauftragter Dr. Hans Posse, Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, durch Europa, um Bilder auszuwählen und anzukaufen. Posse, der Ende 1942 starb und ein Staatsbegräbnis erhielt, hinterließ ein Diensttagebuch, das als verschollen galt. Bei unserer Suche nach dem Bernsteinzimmer haben wir es aufgespürt. Es liegt im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und ist bis zum Jahre 1993 für öffentliche Benutzung gesperrt; eine Entscheidung, die um so merkwürdiger anmutet, als das Tagebuch nach dem Krieg in den Besitz des westdeutschen Kunsthändlers Karl Haberstock gelangt war, der seinerseits für Hitler und Göring als Kunstagent tätig gewesen war,

Posses Tagebuch ist sicherlich eine der wichtigsten Quellen für die Aufklärung des nationalsozialistischen Kunstraubs: In Dresden lagern zum Beispiel noch 1500 Gemälde, Strandgut der Kriegsjahre, dessen Herkunft sich bislang nicht ermitteln ließ. Über das Bernsteinzimmer, so teilte uns Nürnberg mit, steht jedoch nichts im Tagebuch.

Faustpfand für den Frieden

Noch 1944 war nicht entschieden, was aus dem Zimmer einmal werden sollte. Der Einsatzstab Rosenberg und die Heeresgruppe Nord gerieten sich wegen der Schätze aus den Zarenschlössern Gatschina, Pawlowsk und Zarskoje Selo in die Haare. Rosenberg wollte die auseinandergerissenen Kunstgüter wegen der zunehmenden Luftkriegsgefahr in den Gewölben von Schloß Colmberg bei Ansbach verwahren, also an einem Ort zusammenführen. Aber die Heeresgruppe behielt „im Rahmen der Truppenbetreuung“ etliche Ikonen und Zimmereinrichtungen für ihre Ausstellungen in Breslau und Riga.

Bald ging es aber gar nicht mehr darum, die Schätze vor alliierten Bomben zu schützen, sondern vor dem Zugriff der unaufhaltsam vorrückenden Roten Armee. Im Juli 1944 schaltete sich auch das Reichssicherheitshauptamt der SS ein. SS-Obergruppenführer Prützmann und SS-Gruppenführer Ebrecht schlugen vor, sofort alle Archive und Sammlungen der Stadt Königsberg nach Westdeutschland zu evakuieren, das, wie man aus Spionageberichten wußte, für die Besetzung durch die westlichen Alliierten vorgesehen war. Der Einsatzstab Rosenberg hat denn auch bis Mitte Oktober 1944 die ihm unterstellten Beutebestände aus dem Baltikum und Ostpreußen fortgeschafft. Nur für die Bestände in Königsberg hatte Gauleiter Koch sein Veto eingelegt. Er ließ sogar einige für die Evakuierung bereitgestellte Transporte wieder entladen, weil er keinen „Defaitismus“ duldete.

Beim Bernsteinzimmer freilich waren die Kompetenzen unklar, denn neben dem Gauleiter hielten sich auch das Heer, der Einsatzstab Rosenberg und die preußische Verwaltung Schlösser und Gärten für zuständig; nicht zu vergessen die SS, die jetzt überall ihre Finger drin hatte.

Um die Evakuierung hatte sich aber pflichtgemäß der Museumsdirektor zu kümmern. Im Dezember 1944 – schon standen die sowjetischen Armeen an den Grenzen Ostpreußens – reiste dann Direktor Rohde, zusammen mit seinem Berliner Vorgesetzten Gall, nach Sachsen und Thüringen, um Lagerplätze für Kunstschätze zu erkunden. Aber ohne Zustimmung Kochs dürfte Rohde nichts auf den Weg bringen.

Besonders traurig darüber dürfte Reichsleiter Rosenberg gewesen sein. Als klar wurde, daß Deutschland den Krieg militärisch nicht mehr gewinnen konnte, hatte sein Mitarbeiter Arno Schickedanz einen Plan entworfen, die kostbarsten Beutegüter so gut zu verstecken, daß sie einer Nachkriegsregierung bei Friedensverhandlungen als Faustpfand dienen könnten. Dazu Rosenberg: „Das Bernstein-Kabinett ist für uns wichtigstes Objekt für spätere Verhandlungen.“

Inzwischen war die Kostbarkeit aus Zarskoje Selo längst wieder in Kisten verpackt. Rohde hatte sie abbauen lassen, nachdem Anfang März 1943 bei einer Wehrmachtausstellung im Schloß ein Schadenfeuer ausgebrochen war und der Bernstein durch Rauch gelitten hatte. Zunächst wurden die Kisten im Erdgeschoß des Südflügels abgestellt. Nur die etwa viereinhalb Meter langen Spiegelfelder und ein paar Sockelfelder blieben unverpackt und sind dann bei den schweren Luftangriffen Ende August 1944 verbrannt. Die großen Kisten aber entgingen dem Feuer; erst standen sie draußen im Hof, dann verstaute man sie im Kellergewölbe oder in benachbarten Bunkern.

Immer noch sträubte sich Gauleiter Koch gegen den Abtransport, weil er die ostpreußische Bevölkerung nicht beunruhigen wollte. Was weder Rosenberg noch Schlösser und Gärten vermochten, entschied schließlich ein Führerbefehl: Am Silvestertag 1944 erneuerte Reichsleiter Martin Bormann durch Rundschreiben an alle Gauleiter und in einem besonderen Brief an den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, den Führervorbehalt bezüglich Kunstschätzen. (In der Steiermark hatten sich nämlich – in der grassierenden Rette-sich-werkann-Stimmung – einige SS-Führer Kunstsammlungen unter den Nagel gerissen, was dem intriganten Bormann nicht entgangen war.)

Noch ist das Aktenstück nicht gefunden, das Hitlers oder Bormanns Eingreifen in Sachen Bernsteinzimmer belegt. Doch zwei Daten sind gesichert: Als Professor Gerhardt Strauß, ein Kunsthistoriker aus Berlin, am 3. Januar 1945 seinen Freund Rohde in dessen provisorischem Büro im halbausgebrannten Ordensschloß besuchte, hatte der Gauleiter seine Bedenken aufgegeben. Rohde: „Das Bernsteinzimmer ist verpackt.“ Strauß sah noch einige Kisten im Schloßhof stehen. Am 14. Januar – schon schossen auf der Rominter Heide russische Kanonen die schwachbesetzten deutschen Stellungen sturmreif – sah der junge Marinesoldat Wolfgang Rohde seinen Vater zum letztenmal in Königsberg. Auch er kann sich an die Worte erinnern, das Bernsteinzimmer sei „in Sicherheit gebracht“.

Aber wohin? Einige Königsberger, auch ehemalige polnische und sowjetische Fremdarbeiter, die Bescheid wissen könnten, sind oder waren überzeugt, das Bernsteinzimmer sei niemals aus Königsberg oder Umgebung herausgekommen. Ehe die sowjetischen Angreifer am 30. Januar die Festung einschlössen, hätte man für die Evakuierung noch gut vierzehn Tage Zeit gehabt. Doch die Bahnverbindung über Elbing war bereits am 23. Januar unterbrochen, als die russischen Panzer zum Frischen Haff durchstießen. Die Wege über das Samland zur Küste aber waren von Militärkolonnen und Flüchtlingstrecks verstopft.

Wenn die Kisten im Keller des Schlosses geblieben sind, haben die Russen sie wahrscheinlich selber vernichtet. Der am Schloß tätige Oberbaurat Gerlach erinnerte sich, daß eines Tages nach der Kapitulation von Königsberg am 9. April 1945 plötzlich alle Eingänge zum Keller rauchgeschwärzt oder verschüttet und der ganze Südflügel zerstört war – offensichtlich von siegestrunkenen Sowjetsoldaten in die Luft gesprengt.

Einer hätte den Russen Auskunft geben können: Direktor Alfred Rohde. Er war mit seiner Frau in Königsberg geblieben, weil er weder den betagten Großvater noch seine Arbeit im Stich lassen wollte. Als im Sommer 1945 eine sowjetische Kommission unter dem Kunsthistoriker Viktor Barssow in das zerstörte Königsberg kam, wußte sie überhaupt nichts von Rohde und dem Bernsteinzimmer. Sie suchte nur nach den von Gauleiter Koch aus der Ukraine verschleppten Kunstschätzen. Nachher war es dann zu spät: Rohde und seine Frau sind Ende Dezember 1945 an Hungertyphus gestorben.

Etliche Jahre danach fiel den Siegermächten jedoch ein Prominenter in die Hände, der genau Bescheid wußte: Erich Koch. Der Gauleiter war nach seiner Flucht aus Ostpreußen in Norddeutschland untergetaucht und erst 1952 von den Engländern aufgespürt worden. Die Polen stellten ihn 1958 als Kriegsverbrecher vor Gericht und verurteilten ihn zum Tode. Er wurde aber nicht hingerichtet und lebt heute noch in einem Gefängnis, im ehemaligen Kloster Wartenberg nördlich von Allenstein. Vielleicht hat er sich das Leben gerettet, weil er mit seinem Wissen zu wuchern verstand. Zunächst bestritt Koch alle Kenntnis über das Bernsteinzimmer. Dann nannte er verschiedene Lagerorte, entweder in Königsberg oder auf ostpreußischen Gütern. Nach gründlichen Untersuchungen und Ausgrabungen erwiesen sich seine Angaben allesamt als falsch. Später simulierte er Gedächtnisschwäche.

Erst in jüngster Zeit hat Koch einer Sonderkommission des Innenministeriums der DDR eine neue Version erzählt, die in Ostberlin sehr ernst genommen wird, weil sie sich mit vielen Indizien deckt. Kochs Aussage: Das Bernsteinzimmer ist im Januar 1945 auf Befehl Hitlers aus Königsberg evakuiert und mit den Särgen des Reichspräsidenten von Hindenburg und seiner Frau sowie der privaten Kunstsammlung des Gauleiters Koch nach Mitteldeutschland überführt worden.

Durch den Anruf eines Hamburger Kunstfachmannes, der seinen Namen nicht nennen wollte, erfuhr die ZEIT, daß für die Bergung und Evakuierung des Bernsteinzimmers vom Führerhauptquartier und vom Oberkommando des Heeres der SS-Obersturmbannführer Arnd Graf Schimmelmann beauftragt worden sei. Schimmelmann, vor 1933 Adjutant beim Berliner Gauleiter Joseph Goebbels und im Krieg zeitweilig zur Reichskulturkammer abgestellt, ist im Mai 1945 verschollen. Rittmeister Graf Solms, der das Zimmer 1941 aus Puschkin herausgeholt hatte, hielt sich im Januar 1945 auch in Ostpreußen auf. Aber sein Auftrag war, die aus der Ostpreußischen Ruhmeshalle (dem Moskowitersaal im Königsberger Schloß) ausgelagerten Militaria und die alten Fahnen aus dem Ehrenmal von Tannenberg zu retten.

Zwei Särge an Bord

Wenn die Angaben Kochs stimmen, könnte das Bernsteinzimmer entweder ganz oder in zwei Teilen auf zwei Wegen herausgebracht worden sein: über den Hafen Pillau zur See oder über Elbing und die Weichselbrücken zu Lande.

Wie die Särge der Hindenburgs evakuiert wurden, haben uns mehrere ehemalige Besatzungsmitglieder des Leichten Kreuzers „Emden“ noch einmal dokumentiert. Als der Sturm über Ostpreußen hereinbrach, lag das Schiff mit ausgebauter Maschinenanlage auf der Königsberger Schichau-Werft. Trotzdem gab Großadmiral Karl Dönitz den Kreuzer für Flüchtlingstransporte frei. Am 23. Januar kam der Befehl zum Auslaufen. Der Schlepper „Schwalbennest“ sollte den manövrierunfähigen Kreuzer zunächst über den Seekanal nach Pillau bringen. Obwohl die „Emden“ 700 Mann Besatzung hatte, nahm sie noch etwa 1000 Flüchtlinge an Bord. Sie mußten ins Schiffsinnere hinabsteigen, weil am Oberdeck die Maschinenteile herumlagen.

Der Unteroffizier, der die Außenbordkorporalschaft befehligte, weiß nichts von Bernstein-Kisten. Zum Verladen hätte man seine Männer gebraucht, und auf dem Oberdeck sei gar kein Platz mehr gewesen. Erinnern können sich aber alle an eine gespenstische Szene in der Nacht vom 23. auf den 24. Januar. Nach stundenlangem Warten erschienen um drei Uhr bei leichtem Schneetreiben mehrere Lastwagen am Kai. Sie brachten die Bronze-Sarkophage des Ehepaars Hindenburg, die mit Bordkränen nochgehievt wurden, sowie 250 Fahnen und Feldzeichen aus dem Tannenberger Ehrenmal. Ein symbolischer Vorgang: Hindenburg, der „Retter“ Ostpreußens im Ersten Weltkrieg, verließ Deutschlands Vorposten im Osten.

In Pillau mußte die Besatzung der „Emden“ erst ihre Maschine zusammenbasteln. Nach einigen Tagen machte sich das Schiff mit dem ruhmreichen Namen unter abenteuerlichen Umständen – mit Handrudersteuerung, nur einer Schraube und einer Geschwindigkeit von sechs Knoten – auf den Weg und brachte die Flüchtlinge wohlbehalten nach Kiel. Nicht an Bord waren die Hindenburg-Särge. Sie hatte man in Pillau mit Hafenkränen auf die „Pretoria“ umgeladen. Die „Pretoria“ (fast 17 000 Bruttoregistertonnen), einst stolzes Fahrgastschiff der Afrikalinien, diente der Kriegsmarine als Wohnschiff der I. U-Boot-Lehr-Division, ebenso die anderen Schiffe in Pillau: die „Ubena“, die „Duala“ und das große KdF(„Kraft-durch-Freude“)-Schiff „Robert Ley“. Sie mußten jetzt Tausende von Flüchtlingen übernehmen; am 25. Januar liefen sie im Geleitzug aus. Richtung Swinemünde.

War das Bernsteinzimmer auch an Bord? Platz wäre auf der „Pretoria“ und den anderen Schiffen genug gewesen; zuerst wurden sogar ganze Wagenladungen mit Hausrat an Bord verstaut. Es ist uns nicht gelungen, Besatzungsmitglieder aufzufinden, die darüber etwas wüßten.

öfter wird behauptet, das Bernsteinzimmer sei mit dem ehemaligen KdF-Schiff „Wilhelm Gustloff“ untergegangen. Die „Gustloff“ wurde am 30. Januar 1945 kurz nach dem Auslaufen aus Gotenhafen (Gdingen) von einem russischen U-Boot torpediert und riß 5000 Menschen in die Tiefe. Das Wrack liegt zwanzig Seemeilen vor der Küste in vierzig Meter Tiefe. Polnische Taucher sollen es mehrmals untersucht haben; die Kisten fanden sie nicht – das besagen die dürren Nachrichten aus Polen. Man weiß nicht einmal, ob Taucher überhaupt in den Schiffsrumpf vorgedrungen sind. Gegen die „Gustloff“-Version spricht aber auch eine einfache Überlegung: Man mußte nicht noch in Gotenhafen das Bernsteinzimmer auf den gefährlichen Seeweg bringen, wenn man es mit Lkw oder Bahn noch rechtzeitig über die Weichsel herüberbekommen hatte.

Womöglich ist aber der Transport des Bernsteinzimmers schon zu Lande auseinandergerissen worden. Beim Rückzug im Samland stieß eine Einheit des Pionierkorps Herzog bei Pojerstieten an der Straße von Galtgarben nach Germau auf drei Lastwagen, deren Begleitkommando getürmt war. Die Wagen waren mit Munition beladen, aber auch mit einigen Kisten, die Geheimmaterial enthielten. „Schloßverwaltung Königsberg B. Z.“ stand darauf geschrieben. Dies könnten Teile des Zimmers oder der dort verwahrten Königsberger Bernstein-Sammlungen gewesen sein.

Die Pioniere fuhren mit den Lkw nach Heiligenkreuz, wo sie die Kisten in der Kirchengruft unterstellten. Heiligenkreuz wechselte in den Kämpfen der folgenden Tage mehrmals den Besitzer. Als die Deutschen wieder in den Ort kamen, war die Kirche zerschossen, die Gruft verschüttet.

1958, als der ehemalige Pioniersoldat Georg Stein aus Königsberg in einer englischen Zeitung einen Artikel über das vermißte Bernsteinzimmer las, erinnerte er sich an diesen Vorfall. Mit Hilfe der ZEIT informierte er die Russen; Marion Gräfin Dönhoff intervenierte deswegen sogar bei der damaligen sowjetischen Kultusministerin Furzewa. Doch deutschen Augenzeugen wurde der Zutritt nach Samland verwehrt, das militärisches Sperrgebiet ist. Später versicherten die sowjetischen Behörden, die Gruft unter der Heiligenkreuzer Kirche sei leer gewesen.

Georg Stein, der als Landwirt in Stelle bei Hamburg lebt, hat seither als Privatforscher unermüdlich nach dem Bernsteinzimmer gefahndet. Immer neue Spuren tat er auf. Zufällig entdeckte er dabei in Recklinghausen den berühmten Klosterschatz von Petschur, den die Deutschen 1944 aus dem Baltikum ins Reich verschleppt hatten. Er gab nicht eher Ruhe, bis die Bundesregierung 1973 die Kunstgüter an die Sowjetunion zurückgegeben hatte.

Von einem anderen Lkw-Transport aus Königsberg im Januar 1945 berichtete der Pole Kairis, der damals beim Direktor des Kaiser-Friedrich-Museums in Posen, Dr. Siegfried Rühle (angeblich einem Freund Bormanns), als Fahrer tätig war. Der Lastwagen war mit großen Kisten beladen; in Posen kam noch eine Münzensammlung dazu, die Rühle im Mai 1944 von der Oberpostdirektion Königsberg abgeholt und in einem Bunker der Warthe-Stellung eingelagert hatte. Auf dem Bahnhof der Ortschaft Paradies östlich von Frankfurt an der Oder wurden die Kisten in einen Waggon umgeladen. Unterwegs hörte der Pole, wie sich Rühle mit einem Major Dr. Root aus Riga darüber unterhielt, ob man die „Bernstein-Kapelle“ in einem Salzbergwerk lagern dürfe. Zeuge dieses Gesprächs soll auch ein deutscher Fahrer gewesen sein: Ewald Menken aus Dortmund.

Zufolge der DDR-Sonderkommission wurden Anfang Februar 1945 in Potsdam vier Transporte zu einem Bahn-Konvoi zusammengestellt:

1. die Särge der Hindenburgs und die Tannenberger Fahnen (aus Swinemünde);

2. die Särge der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrichs des Großen mitsamt Gemälden und Folianten aus Schloß Sanssouci, der Hohenzollernkrone, einem Reichsapfel und prächtigen Reichsschwertern;

3. zumindest Teile des Bernsteinzimmers;

4. Teile der privaten Kunstsammlung von Gauleiter Koch (Silbersachen, Gemälde aus den Kiewer Museen).

Bernsteine kollerten auf die Straße

Der Bahntransport, bewacht vom Sicherheitsdienst der SS, fuhr zunächst in Richtung Weimar. Hierzu paßt die Aussage der angesehenen Berliner Kunsthistorikerin Margarete Kühn, einer ehemaligen Mitarbeiterin Direktor Galls von Schlösser und Gärten. Frau Kühn zur ZEIT: „Das Bernsteinzimmer ist nach Südwesten, nach Süden gebracht worden, nach Mitteldeutschland. Dort ist es im Thüringischen.“

Getrennt wurden die Waggons dann auf der Buchenwalder Rampe, wo sie am 9. Februar 1945 anlangten. Die vier Särge brachte man über Heiligenstadt zum Eichsfeld, wo sie im Salzbergwerk Bernterode bei Mühlhausen versteckt wurden. Amerikanische Soldaten haben die nationalen Reliquien dort entdeckt und – wie es heißt ausgerechnet am Tage der deutschen Kapitulation – geborgen. Die Särge wurden zunächst in Marburg deponiert, also diesseits der späteren Zonengrenze.

Ein Reichsbahnbeamter hat bekundet, in Heiligenstadt sei ein großer Waggon abgehängt worden und mit einer Lokomotive noch weiter nach Westen abgedampft. Die Kochschen Sammlungen und womöglich Teile des Bernsteinzimmers sind mit einem Lkw-Sondertransport kreuz und quer durch Thüringen bewegt worden. Die Route ging über Bad Sulza, Eisenberg, Zeitz bis Pölzig, wo sich am 12. Februar 1945 die Spur verliert. Am 10. Februar verunglückte einer der Lastwagen bei Bad Sulza; dabei zerbrach eine Kiste, kollerten Bernstein-Fragmente auf die Straße. Noch jüngst haben DDR-Fahnder an der Unfallstelle im Erdreich und in Baumrinden Bernstein gefunden.

Da man einen Teil der Kochschen Raubsammlungen in der Nähe von Gera wiedergefunden hat (sie sind längst wieder in der Ukraine), haben die DDR-Behörden zwischen Zeitz und Gera in 130 Klüften, Höhlen und Burgruinen nach dem Bernsteinzimmer suchen lassen – ohne Ergebnis.

Irgendwo in Thüringen wurde in jenen Februartagen das Transportbegleitkommando ausgewechselt. Von nun an wurde es von einem SS-Hauptsturmführer Mertz kommandiert, einem angeblichen Protegé von Bormann. Nach neuesten Informationen aus der DDR sollen von diesem Begleitkommando des Bernsteinzimmers noch fünf Mann leben. Einer sei im Ausland untergetaucht, entweder in der Schweiz oder in Spanien. Vier von ihnen sollen in der Bundesrepublik wohnen, einer sinnigerweise in der Gemeinde Stelle bei Hamburg, also sozusagen vor der Haustür des Bernsteinzimmerforschers Stein.

Hier taucht nun der SS-Obersturmbannführer „Georg Ringel“ in unserem Rätsel auf. Er soll im Januar/Februar 1945 das Bernsteinzimmer versteckt haben. 1959 hatte sich bei der Freien Welt, dem Organ der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft in der DDR, ein junger Mann gemeldet und folgendes berichtet: Sein Vater habe ihm, dem damals Neunjährigen, kurz vor seinem Tode 1947 erzählt, das Bernsteinzimmer sei zusammen mit den anderen Sammlungen Direktor Rohdes und dem „Kriegsarchiv“ des Schlosses in einem Bunker am Steindamm zu Königsberg verstaut worden. Da der Sohn wegen der SS-Vergangenheit seines Vaters Nachteile Defürchtete, bat er die Redaktion, ein Pseudonym zu erfinden.

Wenn „Ringel junior“ kein Wichtigtuer war, so bleiben die Einzelheiten seiner Enthüllungsstory dennoch mysteriös genug. Einmal heißt es: „Rudolf Ringel“ habe, aus Haß gegen seinen Vater, sogleich nach dessen Tod die ganzen Unterlagen in den Küchenherd geworfen und verbrannt. Anderseits aber hat er Kopien einiger Dokumente, die er im Keller fand, dem Brief beigelegt. Eines zumindest hat „Ringel junior“ erreicht: Er wurde in die Sowjetunion eingeladen und durfte in Königsberg, das nun Kaliningrad hieß, nach einem Bunker suchen, von dem er doch als Kind gar keine Ahnung gehabt haben konnte.

Noch fragwürdiger als der Bericht sind Text und Herkunft der drei Telegramme, die Sohn „Ringel“ im Keller gefunden haben will. Es gibt davon fünf Versionen und noch mehr Datumsangaben (Zeitraum: Mitte bis Ende Januar 1945). Der wichtigste Funkspruch, den angeblich sowjetische Truppen aufgefangen haben, lautet: „Befehl ausgeführt. Bernsteinzimmer von Wachen übernommen und im BSCH eingelagert. Obere Gebäudeteile durch Sprengung zerstört. Verluste durch Feindberührung. Erwarte weitere Weisung.“

Verdächtig ist das Fehlen von Adressat und Zustellnummern. Wurden sie nicht aufgenommen oder bei der Abschrift unterschlagen? Die Originale wurden unserem Mitarbeiter Stein in all den Jahren trotz wiederholter Bitten nie gezeigt, weder in Moskau noch Königsberg oder Ost-Berlin. Die Freie Welt behauptet, der Text stamme aus Archiven in England. Der britische Nachrichtendienst hatte schon frühzeitig im Krieg die meisten deutschen Codes geknackt. Dem sowjetischen Verbündeten überließ man, wohl via Rössler-Gruppe in der Schweiz, ausgewählte (und „gesäuberte ?) Kopien. Man weiß aber, daß der sowjetische Spion Anthony Blunt, der spätere Kunstberater der Queen, ohnehin alle Durchschläge der deutschen Funksprüche nach Moskau weitergab. Somit würden sich nicht nur die Geheimniskrämerei der Russen, sondern auch der Textwirrwarr und die Verstümmelungen der Telegramme erklären. Wir hätten demnach Übersetzungen russischer Texte vor uns, die wiederum aus dem Englischen übertragen wurden – eine doppelte Rückübersetzung also.

Der Text des Telegramms ist in dieser Form ohnehin unwahrscheinlich. Bei Objekten unter Führervorbehalt, also höchster Geheimhaltungsstufe, wäre es selbstmörderischer Leichtsinn gewesen, das Objekt „Bernsteinzimmer“ im Klartext zu funken. Entweder wurde nachträglich ein Codewort ersetzt, oder ein übereifriger Genosse irgendeiner Sonderkommission hat einem verstümmelten oder unklaren Text ein bißchen nachgeholfen. Und die Bürokratie hält nun, da sich die bevorzugte Interpretation durch Funde in Königsberg nicht bestätigen ließ, stur daran fest.

Die Formulierung „von Wachen übernommen“ ist doppeldeutig. Da ein Objekt wie das Bernsteinzimmer in jenen Tagen nicht unbewacht gewesen sein kann, gibt sie nur einen Sinn, wenn eine Übergabe von einem Transportbegleitkommando an das andere gemeint ist. Vielleicht auf der Buchenwalder Rampe?

Die rätselhafteste Zeile „und im BSCH eingelagert“ spricht für eine arge Verstümmelung des Original-Funkspruchs. In der ersten Version hieß die Buchstabenfolge BSCHW – unser Mitarbeiter Georg Stein deutete sie (ZEITmagazin vom 1. 12. 1978) als Bezeichnung für „BSchacht Wittekind“, so die bergmännische Bezeichnung für das ehemalige Kalibergwerk Volpriehausen im Solling.

Später führten die Russen eine andere Lesart ein: „im III b“. In der Tat ist auf der letzten Generalstabskarte von der Festung Königsberg aus dem Herbst 1944 in der Fortlinie nördlich der Stadt ein Bunker III b eingezeichnet. Die DDR-Sonderkommission hat aus der Buchstabenkombination BSCHW „Betrieb Schichau Werft“ herausgelesen, also einen Hinweis auf den Leichten Kreuzer „Emden“. Gemeint sein könnte auch – so ein gewitzter Experte – eine Zielangabe wie „im Braunschweigischen“.

Solange das Originaldokument oder eine Photokopie nicht vorliegen, darf man weiter kombinieren. Dazu noch einmal unser Experte: „Wenn ‚im III b‘ allerdings gesichert ist – philologisch exakt gesichert –, scheiden sämtliche Code-Bezeichnungen aus, die aus einer Buchstaben-Zahlen-Kombination bestehen. Ich kann mit Sicherheit sagen, daß im Sprachgebrauch der Zeit Code-Bezeichnungen keinen bestimmten Artikel tragen und demzufolge auch nicht mit diesem dekliniert werden: man befährt ‚A 2‘, nicht etwa ‚den (Stollen) A 2‘.“ Es müßte demnach „in III b“ heißen.

Auf eine einfache Verschlüsselung läßt die Formulierung „obere Gebäudeteile durch Sprengung zerstört“ schließen. Freilich hätten die Scheunen gemeint sein können, unter denen der Bunker III b versteckt lag. Aber dort haben die russischen Fahnder nichts gefunden. So bleibt eigentlich nur eine unterirdische Alternative. Bei den Einsatzstäeine die in den letzten Kriegsjahren Bergwerke für Rüstungsbetriebe und Einlagerungen vorbereiteten, hatte sich für ebenerdige Stollenanlagen mit mehreren Eugen, die waagerecht aufgefahren wurden, die Bezeichnung „Stockwerke“ eingebürgert. Kleine Verschüttungen, um Spuren zu verwischen, ließen sich leicht herstellen, vor allem in Bergwerken, die schon stillgelegt waren oder noch ausgebaut wurden.

Unter den Schachtanlagen, in denen das Bernsteinzimmer hätte eingelagert werden können, fiel der Verdacht im Jahr 1977 auf Volpriehausen. Dort waren 1945 Reste der weltberühmten Bernsteinsammlung der Königsberger Albertina geborgen worden. Man hatte sie 1958 der Göttinger Universität anvertraut; nur die Fachleute wußten davon; öffentliches Aufsehen scheute man, nicht ohne Grund. Solange noch – in der Zeit der sowjetischen Berlin-Ultimaten – vom Friedensvertrag die Rede war, fürchtete man Besitzansprüche der Universität Kaliningrad. Erst 1977 kam die Sache zufällig in die Presse.

Die Universitäten Göttingen und Königsberg hatten schon immer enge Beziehungen unterhalten. Als im Spätsommer 1944 die sowjetischen Angriffsspitzen an der Reichsgrenze standen, fragten die Königsberger an, ob sie Archive und Sammlungen in die Obhut der Georg-August-Universität geben könnten, „falls Ostpreußen vorübergehend verlorengehen sollte“. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Göttinger bereits damit begonnen, Bibliotheken und Sammlungen nach Volpriehausen auszulagern. Der Inhalt von 24 Eisenbahnwaggons wurde in dem angeblich „absolut sicheren“ Bergwerk, in dem eine Heeres-Munitionsanstalt (Muna) eingerichtet war, auf der 660 Meter-Sohle deponiert.

Professor Karl Andree, Direktor des Geologisch-Paläontologischen Instituts in Königsberg, suchte aus der Sammlung mit ihren mehr als 100 000 Inklusensteinen die schönsten Stücke heraus und verpackte sie in Kofferkisten (75 mal 45 mal 30 Zentimeter), die mit einem Schloß und der Aufschrift „Bernstein-Sammlung“ versehen wurden. Der Materialverwalter des Instituts brachte im Herbst 1944 zwei Kisten nach Göttingen und wurde von dort gleich weiter nach Volpriehausen geschickt. Obersteiger Marahrens legte die Koffer nicht etwa neben die Bücherkisten der Göttinger Uni, sondern auf der 550-Meter-Sohle unter Bruchgestein. Nur deshalb entgingen sie nach dem Kriege der Plünderung.

Mindestens drei weitere Koffer und eine Kiste wurden im September 1944 ebenfalls per Sonderkurier bei der Munitionsanstalt abgeliefert. Der verantwortliche Offizier ließ sie zwischen die Bücherpaletten schieben. Die Kuriere zeigten dem Hauptmann einen Sonderausweis und Photos von wertvollen Bernstein-Gegenständen, die in der verschlossenen Kiste lagen. Deklariert waren die Behälter entweder als „Mineraliensammlung/Privateigentum“ oder als Verwaltungsgut. Vermutlich sind sie in den ersten Wochen nach der Kapitulation im Mai 1945 von polnischen Fremdarbeitern, britischen Soldaten oder Einheimischen geplündert oder beiseitegeschafft worden.

Alte Bergleute erinnern sich, daß damals allerlei lose Bernsteine im Dorfe herumgezeigt wurden; Kinder spielten damit. Die Steine waren mit Nummern gezeichnet, also unzweideutig Sammlungsstücke. Das Plündern muß sich gelohnt haben, denn dort unten lag unter anderem die gesamte Werkzeugreserve des deutschen Heeres: Ersatzteile, Drehbänke, Meßgeräte, Fernrohre, Radioröhren, Seide. Auch ein versiegelter Schrank mit wertvollem Familiengut stand dort. Nach dem Kriege wurde im Dorf mehrmals wertvolles Meißner Porzellan gesichtet, so daß der Verdacht aufkam, es könne sich um Stücke aus den Zarenschlössern gehandelt haben. Wieso?

Eines Tages in der Endphase des Krieges war nämlich noch ein ganzer Waggon aus Königsberg auf der Rampe der Schachtanlage entladen worden. Sowohl der ehemalige Bürgermeister und Nazi-Ortsgruppenleiter von Volpriehausen als auch der letzte Chef der Muna behaupten, dies sei schon Ende September/Anfang Oktober 1944 passiert. Dem steht die Aussage eines Oberschirrmeisters gegenüber, der Waggon sei erst im Februar 1945 angekommen. Also jener aus Heiligenstadt?

Noch genau erinnern kann sich der Ortsgruppenleiter an die strenge Geheimhaltung. Der Waggon war ihm zuvor von der Reichsbahn angekündigt worden, weil der Frachtbrief auf seinen Namen ausgestellt war. Nur zuverlässige Leute durften ihn entladen. Es waren zwölf Kisten von etwa 1,50 Meter mal 0,80 Meter, verplombt und mit Eisenbändern verschnürt. Der Muna-Hauptmann will nichts über den Inhalt erfahren, ja nicht mal gewußt haben, wo die Kisten abgestellt wurden.

Es existiert aber noch ein Lageplan von der 660-Meter-Sohle, worin die Bestände der Göttinger Universität eingezeichnet sind. Dahinter, an der Abzweigung des Wetterüberhauen 600 bis 540 Meter lagerten die Großkisten aus Königsberg. Inhalt: unbekannt. Nur Fragezeichen in den Bestandslisten, dazu eine Bleistiftnotiz „Hygiene-Institut“. In den Verschlußakten der Göttinger Universitätsbibliothek findet sich der lapidare Vermerk: „Einlagerung in Volpriehausen: ein Waggon aus Königsberg/Ostpreußen (Bernsteinsammlung).“ Der Oberschirrmeister weiß noch, daß die Kisten im Waggon mit „Plunder“ bedeckt waren.

Ob das Bernsteinzimmer oder doch Teile davon in den Kisten verpackt lagen, ließ sich nach dem Krieg nicht mehr feststellen. Denn in der Nacht vom 28. auf den 29. September 1945 wurde die Bevölkerung des Dorfes Volpriehausen von einer heftigen Explosion aus dem Schlaf gerissen. Etwa 20 000 bis 25 000 Tonnen Munition gingen in dem Bergwerk hoch. Die Unglücksursache wurde nie ermittelt. Waren es schlagende Wetter? Oder hatten Plünderer, als sie durch losen Sprengstoff aus aufgerissenen Kartuschen wateten, mit offenem Feuer hantiert? Oder ehemalige SS-Leute mit einem Zeitzünder die Sprengung ausgelöst?

Als Bergfachleute im März 1946 zum erstenmal wieder in den Schacht einfuhren, fanden sie den größten Teil der Göttinger Bibliotheken – mindestens 360 000 Bücher – zerstört. Studenten konnten in den folgenden Wochen noch etwa 50 Kubikmeter gebündelter Bücherware retten.

Professor Francke aus Göttingen, der am 21. Oktober 1946, kurz bevor die Bergungsarbeiten wegen Wassereinbruchs aufgegeben werden mußten, mit Bergleuten die Einlagerungssohle besichtigte, konnte sich „durch persönlichen Augenschein“ vergewissern, daß hinter dem Verbruch bis zum Streckenende „die dort abgestellten Bücher und sonstigen Werte restlos zu weißgrauer Asche verbrannt sind“. Die Asche lag etwa einen Meter hoch. In diesem Bereich waren die Königsberger Kisten abgestellt worden.

Freilich heißt es in seinem Bericht auch, die „Befahrung“ sei „mühsam und schwierig“ gewesen. Diplomingenieur Rover von der Firma Kali und Salz in Kassel, heute für das stillgelegte und mit Wasser und Bohrschlamm überflutete Bergwerk zuständig, meint: „Wegen des Verbrucns kam auf die letzten 150 Meter keiner mehr hin.“ Also weiß niemand, wie es dort wirklich aussieht.

Die zwei Holzkoffer mit den 10 000 Bernsteinsticken, die der schlaue Obersteiger auf einer anderen Sohle versteckt hatte, wurden schon vor dem Explosionsunglück geborgen und dem zentralen Archivlager der britischen Zone in der Kaiserpfalz von Goslar übergeben. Als Professor Andree, der als Vertriebener nach Göttingen, den Ausgangspunkt seiner Karriere, zurückgekehrt war, seine Sammlung 1949 in Goslar wiedersah, waren die Koffer beschädigt, einiges fehlte.

Während der Rückgabe-Verhandlungen mit dem niedersächsischen Kunstgutlager Celle gab Andree an 28. Januar 1954 zu Protokoll, er habe zehn große und zwei kleine Kisten voll Material aus seinem Königsberger Institut nach Volpriehausen verbringen lassen: teils Material aus der Bernsteinsammlung, teils „größeres wertvolles Material“ aus den geologisch-paläontologischen Sammlungen.

Dem niedersächsischen Kultusminister Langeheine hat der inzwischen verstorbene Andree einmal gesagt: „Da sind nur alte Steine.“ Der Akademische Direktor Siegfried Ritzkowski, der heute die Bernsteinschätze in Göttingen betreut, ist überzeugt, daß es Professor Andree verstanden habe, beizeiten einen Grundstock für sein Ausweich-Institut nach Göttingen zu schaffen.

Doch bleiben etliche Fragezeichen. In den letzten Kriegsmonaten konnte man nicht mir nichts, dir nichts einen Waggon „organisieren“, um Sammlungen und Privatgut über viele Hunderte von Kilometern zu transportieren. Da brauchte man schon gute Verbindungen zu höchsten Dienststellen. Die sowjetische Sonderkommission in Kaliningrad behauptete, Andree könne keineswegs vorzeitliche Steine und Knochen in die Großkisten verpackt haben, denn seine geologisch-paläontologische Sammlung befinde sich nach wie vor im Institutsgebäude der Albertina am Steindamm. Muß es da nicht zu denken geben, daß der einstige Führer des Einsatzstabs Rosenberg, Gerhard Utikal, vor einigen Jahren erklärt tat, das Bernsteinzimmer sei unter der Tarnbezeichnung „geologische Formationssammlungen“ evakuiert worden, wie er meinte, im Oktober 1944 zur Ruine Falckenstein im Vogtland?

Volpriehausen mußte sich vor allem dem Oberkommando des Heeres, dem die Munitionsanstalt und die Werkzeugreserve unterstand, als Zuflucht für das Bernsteinzimmer empfehlen, zumal die Muna vom Sicherheitsdienst der SS und von der Reichskriminalpolizei bewacht wurde.

Für den Verbleib von Kunstschätzen aus der Sowjetunion im Bergwerk Wittekind gibt es indes nur einen Anhaltspunkt: die Aussage des Berliners Friedrich Axt, der gegen Ende des Krieges als Häftling des Jugendkonzentrationslagers Möhringen in der Muna Volpriehausen arbeiten mußte. Er kann sich an „Hunderte von Bildern“ erinnern, die im Bergwerk eingelagert wurden (woher mögen sie gekommen sein?), und erst recht an „eine länglich-ovale Schale aus Bernstein, die rechts und links von je einem Adler verziert war. Es waren zwei verschiedene Adler, wahrscheinlich ein Preußen- und ein Reußenadler. Die SS-Bewachung nutzte die Schale als Aschenbecher, und ich habe sie oft in der Hand gehabt, wenn ich dort saubergemacht habe.“ Solche Schalen, sagen die sowjetischen Kunstexperten, gab es nur an einem Orte – in den Zarenschlössern bei Leningrad.

Kein Geld für die Bergung?

Als der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Professor Nils Diederich vor sechs Jahren die Bundesregierung fragte, was sie angesichts des ersten großen Kunstraub-Artikels im ZEITmagazin zu tun gedenke, um die unermeßlichen Kunstschätze sicherzustellen und den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben, erklärte der damalige Parlamentarische Staatssekretär Andreas von Schoeler, es hätten sich „keine hinreichenden Anhaltspunkte“ für die These Volpriehausen ergeben: „Auf Bergungsversuche wurde daher – nicht zuletzt wegen der hohen Kosten – bisher verzichtet.“ Die jetzige Bundesregierung veranschlagt die Kosten auf zehn bis zwanzig Millionen Mark.

Gelegentliche Bedenken, eine Bergung in den abgesoffenen Bergwerken stoße auf unüberwindliche technische Schwierigkeiten, fegt indes Diplomingenieur Rover vom Tisch. „Wenn es jemand will und das finanziert und die Behörden mitmachen, wird es sich Kali und Salz nicht nehmen lassen, die Sache anzupacken.“ Ja, wenn ...

Aber liegt das Bernsteinzimmer wirklich auf „Wittekind“? Oder in einem anderen Bergwerk? Ist es vielleicht 1944 oder 1945 schlichtweg gestohlen, verscherbelt, beiseite geschafft worden? Von Nazibonzen oder deren Günstlingen, die mächtig und versiert genug waren, im allgemeinen Durcheinander die Gunst der Stunde zu nutzen?

Den Sowjets schien diese Theorie – Kapitalisten trauen sie schließlich alles zu! – noch vor einem Jahr gar nicht so abwegig zu sein. Touristen aus dem Westen bekamen bei Schloßführungen in Puschkin zu hören, das „verschollene“ Bernsteinzimmer sei „von den Faschisten geraubt und dann aus der Bundesrepublik als Privatgut getarnt ins Ausland verbracht worden“.

Indizien gibt es auch dafür. Im Jahr 1945 soll die Luftwaffenführung einen größeren Transport mit Wertsachen in ein Untertage-Magazin der Asphaltgruben im niedersächsischen Eschershausen gebracht haben: „Kisten aus einem Ostseehafen – entweder Lübeck oder Kiel“, wie sich ein Mitarbeiter der heutigen Deutschen Naturasphalt GmbH in Eschershausen erinnert. Das Versteck, zwar bomben-, aber nicht einbruchsicher, wurde „offenbar von Menschen, die Kenntnis von dieser Einlagerung hatten, ausgeraubt“. Nach dem Einmarsch der Briten fand man oberhalb von Eschershausen eine alte preußische Regierungsfahne, die wahrscheinlich aus dem Moskowitersaal in Königsberg stammte.

Kenntnis davon, daß in Eschershausen nicht nur unter strengster Geheimhaltung an der technischen Hochrüstung der Luftwaffe gearbeitet wurde, sondern auch Wertgegenstände jedweder Art ein vorläufiges Versteck fanden, mußten jene Firmen gehabt haben, die Reichsmarschall Göring beim „Jäger-Programm“ zu Diensten waren. Darunter namhafte Unternehmen aus der Elektro- und Farbstoffbranche, die ihr Emporkommen der Zusammenarbeit mit den Nazis zu verdanken haben.

Kein Wunder, daß bei den russischen Bernsteinzimmer-Suchern die Alarmglocken schrillten, als ihnen 1977 die Aussage eines Kölner Kaufmanns zu Ohren kam, in Baden-Baden lebe die Witwe eines jener Fabrikanten – in einem als „altrussisches Zimmer“ getarnten Antiquitätenfundus. Erst recht auf der richtigen Fährte wähnte man sich, als sich die beugte Dame mitsamt ihrem Mobiliar im neutralen Ausland niederließ. Stimmte doch alles, wie in einem Edelkrimi: das Bernsteinzimmer in der Schweiz, in Ascona, nicht etwa in einer der verschwiegenen Villen am Monte Verità, sondern dort, wo man es nicht erwartete, in einem Beton-Appartementhaus an einer lauten Straße.

Das Generalsekretariat des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements (dort hatten die Bernsteinzimmer-Sucher Hilfe durch die Schweizer Regierung erbeten) sah den Fall schon nüchterner: „Die Bundesverwaltung ist derzeit nicht in der Lage, bei Frau X Nachforschungen anzustellen. Vielmehr müßten zuerst die Eigentumsverhältnisse an dem Bernsteinzimmer abgeklärt werden.“ Hierfür habe man sich „an die zuständigen deutschen Gerichte zu wenden“. Bestenfalls dann könnten „die deutschen Behörden ein Rechtshilfegesuch an die Schweiz richten“, könne dort „gegebenenfalls ein Verfahren eingeleitet werden“.

Hellseher, Hochstapler, Scharlatane

Doch zu langwierigem Instanzen- und zwischenstaatlichem Dienstweg mußte es in diesem Fall erst gar nicht kommen. Es genügte ein – wiewohl beschwerlicher – Besuch bei der alten Dame. Sie besitzt in der Tat eine komplette historische Zimmereinrichtung (die sie mal als „Russenzimmer“, mal als „Bernsteinzimmer“ bezeichnet). An dem üppigen Prunkstück steht freilich eine Signatur, die das Mobiliar als Hohenzollern-Einrichtung ausweist: „J. Groschkus, Hoftischlermeister Sr. Maj. d. K. u. K., Ihrer Maj. der Kaiserin und Königin; Berlin, Landsbergerstr. 25/26“.

Erstanden, und zwar gekauft, habe dieses „Russenzimmer“ noch ihr verstorbener Mann, in Düsseldorf, von Leuten, die sie freilich „nicht nennen kann und die auch gar nicht ansprechbar sind“. Und überhaupt: So sehr auch „alle hinter diesem Zimmer her sind“, beschied Madame den ZEIT-Besucher, sie „wird es niemandem verkaufen“. Die Tür fiel wieder ins Schloß – und die These von den Plutokraten, die sich ein einzigartiges Kunstwerk ergaunert hätten, in sich zusammen.

Dennoch – private Bereicherung anzunehmen, zumal bei untergetauchten Nazis oder SS-Männern oder auch bei alliierten Soldaten, die auf „Souvenirs“ scharf waren, ist nicht gar so abwegig. Falls der Kunstschatz-Transport aus Thüringen im Februar 1945 nach Süden weitergeleitet wurde: nach dem Salzbergwerk Alt-Aussee, wo Hitler seine gewaltigen Schätze (allein über 6000 Gemälde) aufbewahrte; nach Berchtesgaden, wohin Görings Sonderzug mit den gestohlenen Rothschild-Juwelen und der Konvoi mit den Millionen-Devisen der Reichsbank dirigiert wurden, wohin auch die Frau des Gauleiters Koch strebte; vielleicht bis nach Südtirol, wo nach dem Krieg die Familie Bormann auftauchte – was hat da nicht alles geschehen können.

Wo erlesene Kunstschätze zu heben sind, stellen sich unvermeidlich auch Betrüger, Hochstapler, Scharlatane, Hellseher, Phantasten ein. Die Sonderkommissionen der Sowjetunion und der DDR, und auch die Polen, die das Bernsteinzimmer in dem von ihnen annektierten Teil Ostpreußens suchten, können ein Lied davon singen.

Erfahrungen ganz anderer Art machte unser Mitarbeiter Stein. Er wurde immer wieder auf falsche Fährten gelockt, so als habe jemand – oder eine interessierte Gruppe – es darauf angelegt, unter allen Umständen den Verbleib des Bernsteinzimmers geheimzuhalten. Wenn die Deutsche Nationalzeitung noch in diesem Jahr schrieb, das Bernsteinzimmer gehöre nicht den Sowjets und wäre „in deutscher Hand eine – wenn auch winzige – Entschädigung für die Verluste, über die bei einem Friedensvertrag noch zu sprechen sein wird“, so wird einen das nicht wundern. Mehr zu denken gibt da schon, daß ehemalige Offiziere der Wehrmacht eisern schweigen, „weil wir unseren Eid auf Führer und Reich geschworen haben“. Oder wenn die Oberfinanzdirektion München Journalisten Akteneinsicht verwehrt, weil die Frage der sowjetischen Kunstgegenstände, die im Kriege nach Deutschland gelangten, nur zwischen den amtlichen deutschen und russischen Stellen erörtert werden könne. Weitere Merkwürdigkeit: Die westlichen Alliierten haben noch nicht alle 1945 erbeuteten Akten über Auslagerungen an das Bundesarchiv zurückgegeben.

Die Sowjetunion scheint inzwischen resigniert zu haben. Ihre Sonderkommission für das Bernsteinzimmer in Kaliningrad wurde 1983 aufgelöst. Künstler in Leningrad und Riga arbeiten schon seit längerem an einem neuen Bernsteinzimmer. In der DDR wird jedoch weitergesucht, so auf den ehemaligen Gütern der Familie Bormann in Mecklenburg sowie in Schächten und Höhlen Thüringens und des Erzgebirges.

Der Bundestagsabgeordnete Nils Diederich hat unterdessen seinen Vorschlag wiederholt, eine staatliche Kommission aus Wissenschaftlern und Experten solle mit kriminologischen, historischen und anderen Methoden alle bisherigen Hinweise auf das Bernsteinzimmer auswerten, auch in Zusammenarbeit mit sowjetischen Stellen. Dies sei ein Beitrag, „den Verständigungswillen der Bundesrepublik glaubhaft zu machen“. Ehemalige eidbewußte Offiziere und Beamte aus dem möglichen Kreis der Beteiligten wären bereit, vor einer staatlichen Kommission auszusagen.

Vierzig Jahre Suche nach dem Bernsteinzimmer und kein Ende: Es fällt schwer, sich mit dem Gedanken abzufinden, eines der schönsten Kunstwerke, die je von Menschenhand geschaffen wurden, sei vielleicht für immer verloren, versunken, verbrannt. In der Klage der ostpreußischen Balladendichterin Agnes Miegel: „Duftendes Honigharz, verschwelt zu grauem Kies.“