Immerhin spielt in dem Buch der „Cercle Violet“ des Pariser Rechtsanwalts Jean Violet eine wichtige Rolle. Violet, „ein glühender Antikommunist“ – so die Autoren – „baute eine rechte Gruppe auf, die Kontakte zu Franz Josef Strauß unterhielt, zu den Christdemokraten Italiens, mit Verbindung zur Freimaurerloge P2“. Über den „Cercle Violet“ und weitere mit ihm verbundene Gruppen wie die „World Anti-Communist League“ und die spanische „Apostolische-antikommunistische Allianz“ stoßen Roth/Ender bei ihrer Puzzlesuche auf den rechtskatholischen Orden Opus Dei, seine Geschäfte und seine Verbindungen nach Lateinamerika. Die Aufwertung des Opus Dei durch den Papst, der Angriff der vatikanischen Hierarchie auf die Theologie der Befreiung und selbst die Diskussion um die Besetzung einer Pfarrstelle in Köln mit einem Opus-Dei-Priester haben in den vergangenen Monaten nach der Veröffentlichung des Buches aktuelles Material für die Diskussion um die Rolle des Ordens geliefert.

Das letzte große Kapitel handelt von „organisierter Kriminalität: Drogen, Waffen und Nachrichtendienste“. Da geht es u. a. um die sizilianische Mafia, die türkische Mafia in München, die „Grauen Wölfe“, den BND und Waffenschmuggel. Dies einige Stichworte zum Aufbau des Buches.

Jürgen Roth und Berndt Ender zeigen mit erschreckender Deutlichkeit vor allem die unheilige Allianz von internationalem Verbrechertum und der Ideologie eines pathologischen Antikommunismus – das macht das Buch der beiden Autoren so lesenswert. Ihr Vorteil ist es, daß sie sich nicht den Zynismus zu eigen machen, der heute unter dem Tenor „Aber-das-weiß-man-doch-alles“ oder „Politik-ist-eben-ein-schmutziges-Geschäft“ bei vielen Opinion Leaders anzutreffen ist. Denn in der Tat Dringt das Buch in den großen Linien kaum neue Fakten, nur sind diese im großen Strom der Meldungen untergegangen, vereinzelt und unverständlich geblieben. Aber hier liegt auch die Schwäche der Untersuchung über die „Dunkelmänner der Macht“, eine Grundschwäche jeder Art von Enthüllungsjournalismus: Die Schlußfolgerungen bleiben häufig vage.

Daß es zum Beispiel zwischen Strauß und dem „Cercle Violet“ Kontakte gegeben habe, könnte zwar die Tatsache bestätigen, daß sich Teile der bayerischen Unionspartei häufig in der Grauzone zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsradikalismus bewegen, mehr jedoch nicht. Geradezu abenteuerlich aber wird es, wenn suggeriert wird, Kissinger käme als Auftraggeber des Moro-Attentats in Frage. Viele Spekulationen hätte man sich sparen können, das Unterholz von Politik und Geschäft ist verschlungen genug, als daß nicht so manches demokratiegläubige Herz darüber erschrecke.

Durch fehlende Belege vieler Aussagen und Zitate machen sich die Autoren außerdem unnötig angreifbar. Hinzu kommt eine Ungenauigkeit in den Begriffen, die schwammig bleiben. Da ist von „nationalen Machtkartellen“, „politischen Frühstückskartellen“, „internationalen Netzwerken“ die Rede. Oder von der „türkischen Mafia“, der „heiligen Mafia“, der „Finanzmafia“, der „Polit-Mafia“, dem „Paten aus München“ – wenn alles Mafia wird, hat die wirkliche Mafia, die sizilianische mit ihren amerikanischen Verbindungen nämlich, leichtes Spiel, sich im internationalen Mafiadunst zu verstecken. Und das internationale Verbrechen verschiedenster Spielart kommt in die Aura der Mafia – und wird damit im allgemeinen Bewußtsein unkenntlich.

Schließlich: Es ist sicherlich kein Zufall, daß man immer wieder auf dieselben Namen stößt, sei es bei den Hintergründen des Papstattentates, sei es beim Opus Dei, sei es bei der türkischen Drogenszene in München. Aber die Dramaturgie des Buches, von Puzzle-Stück zu Puzzle-Stück vorzuschreiten, gibt leicht den falschen Eindruck eines Gesamtbildes, das nur zusammengesetzt werden müßte. Tut gar, als ob es ein internationales, einziges „Machtkartell“ des Bösen gäbe, das zu enttarnen wäre. Dies liegt sicherlich nicht in der Absicht der Autoren, sie geben sich allerdings auch keine Mühe, diesen Eindruck von Anfang an klar zu verhindern. Es ist das alte Problem des Erkenntnisinteresses: Wo der irrationalen Gesamtschau einer Masse von Fakten rationale Erklärungen gegeben werden, schlagen ideologische Zielrichtungen auf das Ergebnis durch.

Dabei ist das heimliche Hauptthema des Buches ein anderes: die Rolle der Presse, der veröffentlichten Meinung. Sie wird besonders im Eingangskapitel des Papstattentates sowie in der Rolle der vom Opus Dei kontrollierten spanischen Nachrichtenagentur „EFE“ (die dem Lamuv-Verlag bereits mit Klage gedroht hat, bisher aber den Drohungen keine Taten folgen ließ) deutlich. Dafür, daß der Papstanschlag vom bulgarischen Geheimdienst inszeniert und damit vom sowjetischen KGB, deren Chef damals Andropow war, initiiert worden sei, gibt es keinen einzigen stichhaltigen Beweis, außer den widersprüchlichen Aussagen des Attentäters Ali Agca. Eine Artikelserie in der International Herald Tribune Mitte Oktober hat das gerade wieder deutlich gemacht. Nach dem Anschlag aber hat vor drei Jahren das Zusammenspiel von mysteriösen Aktivitäten des italienischen und amerikanischen Geheimdienstes mit bestimmten antikommunistischen Journalisten (allen voran Claire Sterling) eine weltweite öffentliche Stimmung erzeugt, die rechtskonservativen Kommentatoren Pulver für antikommunistische Häme lieferte. Das von ihnen erwünschte Einfrieren der Entspannungspolitik gelang aber erst, mit zum Teil ähnlichen Mitteln, nach dem ebenso mysteriösen Abschuß einer südkoreanischen Verkehrsmaschine über der Sowjetunion.

Die Presse als Schlacntfeld für Skandale und politische Täuschungsmanöver, die Presse als kurzatmige, von Fakt zu Fakt jagende Nachrichtenverbreitungsmaschine, für die die Meldung im Vordergrund steht, während die ganze Wahrheit frei nach dem Igel und dem Hasen immer ruft: Ick bün all da, diese Presse ist ein ideales Gewässer für die Dunkelmänner der Macht. Erst wenn sie ihre kritische Aufgabe wirklich wahrnimmt – und hierzulande gibt es von den Fällen Strauß, Filbinger bis zu Flick einige ermutigende Beispiele – meiden sie sie, wie der Teufel das Weihwasser.