Von Barry Graves

Das Pantages Theater auf dem Hollywood Boulevard – Showplatz der Oscar-Verleihung 1949 bis 1959 – ist eine Augenweide art-deco-süchtiger Architekturkunst, doch wen interessieren Obelisken, Säulen, Plafonds, Stuck-Ornamente und Gold-Intarsien, wenn auf der Bühne die beste neuere Rockband unserer Tage musiziert? Jeweils 2708 kalifornische Jugendliche klatschten, tanzten, schrien, heulten, pfiffen und kreischten an vier Dezemberabenden 1983 beim Konzert der „Talking Heads“, doch keine der sechs Kameras von Regisseur Jonathan Demme, der die Show filmte, registrierte den Trubel im Parkett und auf den Rängen. „Unsere Musik“, hatte David Byrne von den „Talking Heads“ einmal erklärt, „inspiriert ihrer Natur gemäß zu einer mystischen Kommunion zwischen Musikern und Publikum“. Davon sollte das Filmtheaterpublikum in aller Welt nichts mitbekommen, als die vier kalifornischen Konzerte für einen Kinofilm aufgezeichnet wurden.

Alle „human interest“-Elemente, die ansonsten Konzertfilme bis zur Peinlichkeit anreichern, waren verpönt. „Wenn ich da noch Interviews und neckische Bildchen dazwischeneeschossen hätte, wäre die Energie des fortlaufenden Konzertes abgesackt“, erklärte Regisseur Demme. Der Mann hat den Mut, sich asketisch gegen die Bilderfluten aus den Videoclip-Kanälen zu stemmen, die mit immer neuen Farbräuschen und perfekt ausgetüftelten Schnitt-Gags einer multimedial überreizten Generation die Dejä-vu-Tristesse fortspülen wollen.

Bald nachdem der „Talking Heads“-Film mit dem Titel „Stop Making Sense“ am 24. April in San Francisco Premiere hatte, wurde er in den USA zu dem ambitionierten Pop-Musikfilm-Ereignis der letzten Jahre – eine Kino-Rockshow mit intellektuellem Touch.

Die intelligente Klangauffächerung und die elektronisch aufgebesserte Brillanz von Stimmen und Instrumenten schlägt über den digitalen Dolby-Soundtrack voll an die Ohren; doch visuell scheint zunächst überhaupt nichts los zu sein.

Ein Paar weiße Schuhe tappen über den Bretterboden einer unaufgeräumten Werkstattbühne. Gitarrist David Byrne schlendert zum Mikrophon und stellt ein kleines Kassettenradio neben sich hin. Klick, die Kassette gibt einen Beat, wie er von Billigpreis-Rhythmus-Maschinen bekannt ist. Und Byrne singt dazu das Lied vom „Psycho-Killer“, den Folk-Song vom verlorenen Sohn im globalen Dorf unserer zerrütteten zwischenmenschlichen Beziehungen.

Im Hintergrund hantieren Bühnenarbeiter an Dekorteilen, Leitern und Podesten, die Kamera läßt uns Zeit, den Sänger intensiv anzuschauen: penibel gestriegelte kurze Haare, knochiges Gesicht, blaugrüner Anzug von der Stange – die Eleganz eines William S. Burroughs, der sich als Bandleader in einem Vorstadt-Tingelclub versucht, die unheilvolle Abgeklärtheit eines Anthony Perkins, kurz bevor er im „Psycho“-Motel einmal wieder ein Zimmer freimacht.