Oberderdingen

Ein Dorf will schöner werden. Die nordbadische 8000-Seelen-Gemeinde Oberderdingen saniert ihren Ortskern, und sie scheut dabei weder Kosten noch Mühen. Große Anstrengungen verwendet sie zum Beispiel darauf, den 37jährigen Hugo Kling wieder loszuwerden, der sich mit seiner Familie in Oberderdingen niedergelassen hat. Hugo Kling ist Zigeuner, und sein Bleiben läuft „dorfgestalterischen Absichten“ zuwider.

Die Finger lassen soll Kling von dem Oberderdinger Torwächterhaus, einem Fachwerkbau unter Denkmalschutz, den er Anfang August erworben hat. Die Immobilie war Ende 1983 auch der Gemeinde zum Kauf angeboten worden, doch die hatte dankend abgelehnt. So kam Kling zum Zuge. Mit dem Kaufvertrag in der Tasche ging er gleich aufs Rathaus, um zu erfahren, ob die Gemeinde endgültig auf ihr Vorkaufsrecht verzichte – sicher ist sicher.

Bürgermeister Erwin Breitinger erklärte ihm, daß nur eine auffällige gewerbliche Nutzung des Torwächterhauses, etwa als Getränkevertrieb, der Gemeinde mißfallen würde. Hugo Kling aber treibt einen stillen Handel mit Musikinstrumenten. Da also seinem Einzug nichts mehr im Wege stand, begann er, sich in seinem neuen Domizil häuslich einzurichten. Die Nachbarn blickten nicht nur interessiert über den Zaun, sondern waren auch gleich mit Rat und Tat zur Stelle.

Da Kling seine Habe in einem Auto mit Berliner Kennzeichen angefahren hatte, dachten sie an stadtmüde Alternativler, die da aufs Dorf gezogen kämen. Doch Kling räumte das Mißverständnis bald aus: „Wir sind deutsche Zigeuner und nicht die Grünen.“

Da war es denn aus mit guter Nachbarschaft. Kontakt wurde mit den Neubürgern fortan nur noch per Telephon gesucht. Kling berichtet von anonymen Beschimpfungen, und eines Tages zeichnete sich Volkes Unmut auch öffentlich ab: „Zigeuner raus“, prangte es von Klings Hauswand.

Derweil besannen sich Oberderdingens Gemeinderäte auf einen legalen Weg zum sauberen Ortsbild. Mit dem satten Votum von 19:0 Stimmen beschlossen sie, nun doch auf das Vorkaufsrecht zu pochen; Bücherei solle das Torwächterhaus weraen oder Bürgerhaus. Den Meinungsbildungsprozeß verfolgte die Wirtin des Oberderdinger „Ratkellers“ beim Besuch einiger Gemeinderäte in ihrem Lokal: Da ging, berichtet sie, die Sorge um, daß am Torwächterhaus „die Wohnwagen rumstehen“ und daß da „keine normalen Menschen einziehen“. Tenor des dumpfen Gemurmels: Zigeuner sind unerwünscht.