Es war einmal wieder an der Zeit, diesen leidigen Kasus neu aufzurollen. Hand aufs Herz, liebe Märchenerzähler, löbliche Mythendeuter, geneigtes Publikum: So recht glauben mochten wir insgeheim doch alle nicht, daß der Wolf (und eben nur der Wolf) an den notorischen grausigen Vorfällen in Großmutters Waldhäuschen Schuld hat.

Wen, ganz ehrlich, haben all die langjährigen Ermittlungen von Psychologen und Soziologen, von Sozial- und Sexualwissenschaftlern wirklich ruhig schlafen lassen? Die lieben Kleinen vielleicht; nicht aber den venezianischen Anwalt Domenico Carponi Schittar. Er fand es – fiat iustitia – längst überfällig, dem tierischen Bösewicht einen ordentlichen Prozeß zu machen.

Die Sensation vorweg: Der Wolf ist unschuldig, nein, präziser: Die ihm zugeschriebenen Verbrechen – immerhin Mord, Vergewaltigung und eine ganze Latte minderer Vergehen – erfüllen keinerlei Straftatbestand. Ein Jux, peinlich absurder Para- – graphenritt im Märchenwald? Mitnichten; vollen Ernstes saßen unlängst in Venedig namhafte Juristen zu Gericht, um Licht in die Strafsache Wolf/Rotkäppchen zu bringen.

Einschlägige Polizeiberichte liegen seit Jahrhunderten vor. Carabinieri-Oberleutnant Antonio Pizzocca mußte sich nur ans Bücherregal bemühen, um der venezianischen Staatsanwaltschaft die Fakten für die Anklage zu liefern. Im Jahr 1697 hat der französische Staatsbeamte Charles Perrault den Mordfall „Le Petit Chaperon Rouge“ erstmals zu Papier gebracht; 1812 verfaßten die Geschichtensammler Jacob und Wilhelm Grimm eine deutsche Version der Untat. Ein klarer Fall für „lebenslänglich“, sollte man meinen.

Aber wo; Gewalt, Vergewaltigung oder Mord gar, habe es in dieser Geschichte nie gegeben, brach Awocato Schittar, der Verteidiger des angeklagten Wolfs, eine Lanze für seinen Mandanten. Indogermanische, nordische, ägyptische Mythen, kurzum: Sitten und Gebräuche aus grauester Vorzeit führte er ins Treffen, um darzutun, daß eigentlich alles ganz anders war.

Wurde Rotkäppchen von dem wilden Tier also gar nicht bedrängt, getäuscht, gefressen? Nein: man ändere doch nur einmal die Lesart: Die Angst des Mädchens, die quälende Fragerei des Wolfs, das Verschlungenwerden, das Totendunkel im Tierbauch, die Wiederauferstehung dank dem beherzten Scheren-Schnitt des Jägers – dies sei doch sinnfälligste Symbolik für Initiationsriten, wie sie vor Jahrtausenden Usus waren, um Jugendliche in die Erwachsenenwelt einzuführen.

Das venezianische Tribunal – ein Richter und je vier Frauen und Männer als Schöffen – mochte sich dieser Auffassung des passionierten Freizeit-Anthropologen Schittar nicht verschließen. Das Märchen, heißt es im Urteil des Gerichts, sei nicht eine blutrünstige Moritat, sondern vielmehr Literatur gewordene Überlieferung alter Initiationsriten, wobei dem Wolf die Rolle eines Mannes zugeteilt wurde – und Initiation sei schließlich eine „sozial angemessene Handlung“ gewesen, fernab jeder strafrechtlichen Relevanz.