Zuerst hatte er das „Gefühl, meinen Augen nicht trauen zu können. Doch als ich merkte, daß es Stücke von Johann Sebastian Bach waren, fühlte ich mich sehr klein und bescheiden“. Das war im Frühjahr in der Bibliothek der Yale Universität im amerikanischen New Haven. Jetzt steht Christoph Wolff, Professor an der Harvard Universität in Boston, im Rampenlicht. Er hat dreiunddreißig unbekannte Orgelstücke des vor 300 Jahren geborenen Komponisten entdeckt.

Der in Solingen geborene und in Erlangen promovierte Wolff bereitet seit einigen fahren als Direktor des musikwissenschaftlichen Instituts der Harvard Universität ein dreibändiges Bach-Kompendium vor. Er arbeitet dabei mit dem Leipziger Bach-Forscher Hans-Joachim Schulze zusammen.

Systematisch gehen die beiden dazu alle bekannten Quellen noch einmal durch. Wann immer Wolff sich von Harvard freimachen konnte, fuhr er zur Yale Universität, um dort die sogenannte „Rinck-Sammlung“ zu studieren. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hatte der Darmstädter Hoforganist Johann Christian Heinrich Rinde eine umfangreiche Musikbücherei angelegt, unter anderem mit zahlreichen Stücken der Bach-Familie. Einige Bände erhielt Rinck von Johann Gottfried Neumeister, einem Schüler von Georg Andreas Sorge. Sorge wiederum war ein Zeitgenosse und Bewunderer Bachs.

Im Jahre 1852 ersteigerte der Bostoner Komponist Lowell Mason die umfangreiche Sammlung. 21 Jahre später vermachte er sie der Yale Universität. Die Sammlung war schon häufig Objekt intensiver Studien, so auch bei der kritischen Neuausgabe der Werke des Komponisten durch das Göttinger Bach-Institut, Die Musikhistoriker übersahen dabei jedoch immer einen Manuskriptband mit braunem Lederrücken mit dem Titel „Choräle ohne Texte“. Dieser Band stammt aus Neumeisters Besitz. Lediglich im Jahre 1958 untersuchte ein Student im Rahmen einer Magisterarbeit das handgeschriebene Manuskript. Er erstellte eine Inhaltsangabe, ohne sich aber weiter um die darin enthaltenen 83 Orgelpräludien zu kümmern. Dem Werk dieses Studenten ging es wie den meisten anderen Magisterarbeiten auch: Es wurde im Archiv abgelegt.

Auch Wolff – eine anerkannte Bach-Autorität – hatte sich zunächst in dem Band getäuscht. „Schon der Titel war nicht vielversprechend“, erklärte er in einem Interview. „Und bei einer ersten Durchsicht fielen mir vor allem die Werke von Johann Michael Bach – Sebastians Schwiegervater – und ein schon bekanntes Stück von Bach selbst auf.“

Im Frühjahr jedoch widmete er sich dem Buch als Abschluß seiner Studien der „Rinck-Sammlung“. Wolff registrierte den Inhalt erneut: 26 Präludien von Johann Michael Bach, vier von Johann Christoph Bach – nicht Sebastians Sohn, sondern einem Onkel zehn Stücke von Sorge, Zachau, Pachelbel und Ernst, sowie fünf Stücke ohne Autorenhinweis.

38 Orgelpräludien tragen den eindeutigen Hinweis „Joh. Sebast. Bach“ – und nur fünf waren Wolff bekannt. Wie Anfang des 18. Jahrhunderts üblich, hatte ein unbekannter Kopist die Werke des Komponisten mit der Hand vervielfältigt. Häufig genug wurden bei solchen Übertragungen Stücke berühmten Komponisten zugeschrieben, obwohl sie gar nicht von ihnen stammten. Doch daß es sich um Fälschungen handelte, hielt Wolff für ausgeschlossen. Zunächst überzeugte ihn die Schreibweise. Bis etwa 1715 verwandte Bach das sogenannte „b“, um die durch ein Kreuz um einen Halbton heraufgesetzten Noten wieder aufzulösen. Danach erst benutzte er das bis heute übliche Auflösungszeichen. Der Kopist hat diese Schreibweise akribisch genau übernommen. Wolff: „Das ist ein Hinweis, daß es sich um Frühwerke Bachs handelt.“