NS-Geschichte von untenVerbotene Liebe

Realschülerinnen recherchierten ein Schicksal von Werner Müller

Calw

Erna Brehm war 17, als sie – im August 1941 – auf dem Calwer Marktplatz öffentlich kahlgeschoren wurde. Das „Verbrechen“ der jungen Hausgehilfin: ihre Liebe zu dem um fünf Jahre älteren polnischen „Fremdarbeiter“ Marian Gawronsky. Mit Kahlscheren und Anprangern – von den Nationalsozialisten verordneter Ausdruck des „gesunden Volksempfindens“ – begann Erna Brehm zehnjähriges Leiden. Die Haft im Frauengefängnis Stuttgart und im KZ Ravensbrück setzten dem „sehr zarten, ruhigen und sensiblen Mädchen“ (so ehemalige Schulkameradinnen) so schwer zu, daß es im April 1944 mit einer doppelseitigen Lungentuberkulose als nicht mehr lagerhaft- und arbeitsfähig nach Hause zu ihren Eltern entlassen wurde.

Als „Häufchen Elend“, wie sich der ehemalige – Calwer Stadtpfarrer Geprägs erinnert, verstarb Erna Brehm im August 1951 an den Folgen der Haft. Über Marian Gawronsky existierte bislang nur ein Vermerk in seiner Calwer Meldekarte, wonach er am 2. August 1941 von der Gestapo „in Sicherheitsverwahrung genommen“ wurde.

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Eine Liebe in Nazi-Deutschland. Vier Realschülerinnen der Ludwig-Uhland-Schule im württembergischen Heimsheim zeichneten sie jetzt nach: „Fremdarbeiter und Deutsche – Das Schicksal der Erna Brehm aus Calw“ betitelten sie ein Büchlein, das Ergebnis ihrer sechsmonatigen Recherchen ist. Dabei beließen sie es nicht nur bei dem, was von etablierten Geschichtswissenschaftlern hierzulande noch immer oft als „Geschichte von unten“ abgetan wird, was aber in den angelsächsischen Ländern als oral history längst demokratische Tradition hat: Eingebettet in einen gesamthistorischen Zusammenhang schildern die Schülerinnen am Beispiel der Erna Brehm, wie es im Dritten Reich jenen erging, die im „Umgang mit Fremdrassigen“ nicht „die deutsche Ehre und die deutsche Art“ wahrten, um die Calwer Schwarzwaldwacht zu zideren. Derlei Mahnungen waren während des Krieges an der Tagesordnung, denn die Zahl der „Fremdarbeiter“, vor allem aus den besetzten Gebieten im Osten, ging in die Millionen.

Einer von ihnen ist – Sommer 1941 – der junge Pole Marian Gawronsky. Im August 1940 aus dem Gefangenenlager Wildberg nach Calw gekommen, ist er dort ab „freier Arbeiter“ in einer Autowerkstatt beschäftigt. Wie Erna Brehm wohnt er im Haus einer Calwer Konditorei; nach ihrem Pflichtjahr in einem Haushalt hat die 17jährige dort eine Stelle als Hausgehilfin gefunden. Daß die unter einem Dach lebenden jungen Leute bald mehr als nur Sympathie füreinander empfinden, läßt sich nicht lange verheimlichen.

Erna Brehm sieht sich unter Druck gesetzt und geht am 2. August 1941 selbst zur Polizei, um sich zu rechtfertigen. Sie wird sofort verhaftet, ebenso Marian Gawronsky.

Nach Kahlscherung und Anprangerung kommt sie zuerst in das Gefängnis in Calw, dann in das Frauengefängnis in Stuttgart, wo sie wegen verbotenen Verkehrs mit einem Ausländer zu einer Gefängnisstrafe von acht Monaten verurteilt wird. Freigelassen wird sie jedoch im April 1942 nicht, denn ein vom Chef der „Sicherheitspolizei“, Reinhard Heydrich, unterschriebener „Schutzhaftbefehl“ bedeutet: Erna Brehm muß ins KZ Ravensbrück. Begründung: Sie habe „durch ihr Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und des Staates gefährdet“, denn sie habe „die gegenüber einem Angehörigen eines Feindstaates selbstverständliche Zurückhaltung vermissen lassen und das gesunde Volksempfinden gröblichst verletzt“.

Für den KZ-Häftling Nummer 10 500, der Erna Brehm nun ist, beginnt ein neues Martyrium: Erna Brehm arbeitet in einem Strafblock, wo sie schwere Loren schieben muß. Dabei kommt es auch vor, daß die Gefangenen im Winter bei etwa 30 Grad Kälte in offenen Holzpantinen arbeiten oder zum Appell antreten müssen. Die unmenschlichen Haftbedingungen führen zu einer Rippenfellentzündung, schließlich zu einer doppelseitigen Lungentuberkulose.

Am 1. April 1944 wird Erna Brehm entlassen, ihr körperlicher Zustand bessert sich nicht, auch nach Jahren. „Sie ist außerordentlich untergewichtig (34,5 Kilogramm)...“, heißt es in einer Notiz des Gesundheitsamtes Nagold vom Oktober 1947. Am 19. August 1951 stirbt Erna Brehm, 27jährig, an den Haftfolgen.

„Das Ganze war irgendwie viel lebensnäher, viel wirklich greifbarer, als man es im Fernsehen sieht oder in Büchern oder Zeitungen“, sagt Bettina Klingel, eine der vier Autorinnen, über den Wert der eigenrecherchierten „Geschichte zum Anfassen“. Was die vier Realschülerinnen aber nicht minder beeindruckte: die Art und Weise, wie der neue, der demokratische Staat das von Erna Brehm angestrengte Wiedergutmachungsverfahren abschmetterte.

Zwar, so schrieb „der Vertreter des Landesinteresses“ mit Datum vom 30. Juli 1951 an den zuständigen, Wiedergutmachungsausschuß, könne „selbstverständlich nicht bestritten werden, daß die Klägerin infolge der erlittenen KZ-Haft schwere gesundheitliche Schäden davongetragen hat“. Aber sie habe ja „keineswegs die Absicht gehabt, eine bestimmte politische Haltung oder Weltanschauung zu demonstrieren“, sondern „sich mit dem im gleichen Haus lebenden Polen eingelassen, weil er ihr gefiel, weil die Gelegenheit günstig war und vielleicht auch, weil diese Gelegenheit günstiger und dauerhafter war als der Verkehr mit deutschen jungen Männern in jener Zeit“. Die NS-Gesetzgebung über den intimen Umgang mit Ausländern sei „ein Gebot der Staatssicherheit“ gewesen; der „Schutzhaftbefehl“ habe „deshalb auf allgemeinsicherheitspolitischen Erwägungen“ beruht, „nicht aber auf der Absicht, die Klägerin politisch zu verfolgen“.

Auf eine Berufung verzichteten die Eltern nach dem Tod ihrer Tochter, nachdem sie vergeblich um das Armenrecht nachgesucht hatten.

Für den jungen Calwer Realschullehrer Norbert Weiss, der die vier Schülerinnen bei ihren Recherchen unterstützte, ist der „Fall Erna Brehm“ bis heute nicht abgeschlossen. Weiss organisierte in dem Schwarzwaldstädtchen im November vergangenen Jahres eine mehrwöchige Ausstellung zum Thema „Verfolgung und Widerstand in Calw unter dem Hakenkreuz“ und machte auf das beispielhafte Schicksal von Erna Brehm aufmerksam.

Er fand nicht nur heraus, daß Marian Gawronsky ins KZ Buchenwald gebracht worden war, sondern auch, daß er dort das Kriegsende überlebte. Gawronsky, so schrieb ihm ein polnischer Historiker vom Staatsarchiv in Posen, lebt heute in Lodz. Weiss versucht ihn jetzt zu erreichen.

Werner Müller

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