Der dickste Fisch wartet in Bonn
Die deutschen Hochseefischer wollen hundert Millionen Mark Staatshilfe / Von Helgard Köhne
Bei den Feiern zum 100. Geburtstag der deutschen Hochseefischerei wurde in Bremerhaven auch ein Rettungsring versteigert. Einen Fischer reizte das zu dem bissigen Kommentar: „Den könnten wir selbst viel besser gebrauchen " Dem muß Dieter Koch, Chef des Verbandes der Hochseefischer, uneingeschränkt zustimmen: „Wenn nicht bald was passiert, überleben wir dieses Jahr nicht "
Was da passieren soll, ist die Fangunion: die Zusammenfassung aller vier verbliebenen Reedereien in einer Emheitsgesellschaft. Einig ist man sich aber bisher nur, daß ohne die Fangunion niemand zu retten ist und daß Bonn dabei mit Geld aushelfen soll.
Acht Jahre währt nun schon der Niedergang der Hochseefischerei, und 1500 Arbeitsplätze hat sie ohnehin nur noch, „aber wir sind in Wirklichkeit verantwortlich für rund 10 000", sagt Verbandschef Koch. Vierzig Prozent der Bevölkerung von Cuxhaven und Bremerhaven leben vom Fisch direkt oder indirekt.
Doch von der Krise hat im Binnenland kaum einer was gehört „Die Deutschen haben nun mal kein Verhältnis zur See", sagen die Bewohner der Seestädte. Offensichtlich hatten sie das auch noch nie: „Die Deutschen mögen den Boden pflügen, mit den Wolken segeln und Luftschlösser oauen aber nie seit dem Anfang der Zeiten hatten sie das Genie, das Weltmeer zu durchfurchen oder auch nur die schmalen Gewässer zu durchfahren", bemerkte der britische Premierminister Henry John Temple Palmerston 1850. Zu seiner Zeit versuchten die Deutschen gerade, eher erfolglos, die Meere zu nutzen und über die Gründung von Fischereigesellschaften Fang und Verkauf von Seefischen zu kommerzialisieren. Aber mit den damals noch üblichen Segelschiffen ließ der Sieg auf sich warten. Der kam erst, als die Wencke Werft in Bremerhaven den Fischdampfer Sagitta baute: Am 7. Februar 1885 schickte der Reeder Friedrich Busse sein Schiff auf die erste Reise - auf ein freies Meer, von dessen lebenden Schätzen man noch gar keine Vorstellung hatte.
Schon zehn Jahre nach dem Bau der Sagitta gab es hundert deutsche Fischdampfer, vierhundert Schiffe fuhren und fischten in den zwanziger Jahren. Höhepunkte der stürmischen Entwicklung waren die dreißiger und die fünfziger Jahre, als die deutsche Flotte jährliche Anlandungen ?on 700 000 Tonnen, manchmal sogar 750 000 Tonnen Fisch schaffte. Immer größer, besser und schneller waren die Schiffe geworden, immer mehr Menschen lebten „vom Fisch". Niemand dachte daran, daß diese Entwicklung jemals abbrechen konnte. Alles schien - und war - möglich; denn es war jedem erlaubt, die Meere jenseits der Drei Seemeilen Küstenzone ungehindert zu befischen. Doch die gute alte Zeit war bald vorbei. Viele Staaten versuchten nun, die Schätze des Meeres vor ihren Küsten der eigenen Wirtschaft zu sichern. Sie dehnten ihre Fischereigrenzen aus und - untersagten Anlandungen fremder Schiffe.
Den Genfer Seerechtskpnferenzen gelang es schließlich Ende der fünfziger Jahre nicht mehr, verbindliche Regeln für die Abgrenzung der Hoheitsgewässer aufzustellen. Island dehnte 1961 seine Hoheitsgrenzen zunächst von sechs auf zwölf Seemeilen aus, später auf fünfzig, im Oktober 1975, als Folge des sogenannten „Kabeljau Krieges", sogar auf 200 Seemeilen. Seit 1977 dürfen Bundesdeutsche in den Fanggründen um Island überhaupt nicht mehr fischen. Das hatte schlimme Folgen für die Hochseefischerei - „Island hat schließlich die fischreichsten Gewässer, die Fanggründe sind ganzjährig befahrbar", schwärmt Dieter Koch.
Der Schlag kam für all jene überraschend, die in der „Fernfischerei" die Lösung aller Probleme gesehen hatten: Auf dem bundesdeutschen Markt war nämlich mittlerweile durch Fortfall der Handelsschranken ein derartig starker Importdruck und Konkurrenzkampf entfacht worden, daß die norddeutschen Fischer neue Wege zum Rationalisieren der Flotte und zum Fischen suchen mußten. Sie fanden die weit entfernt liegenden Fanggründe an der Ost- und Westküste Grönlands, bei Neufundland und Labrador. Doch um das Geschäft halbwegs lukrativ betreiben zu können, brauchten sie neue Schiffe - mit den vorhandenen Fischdampfern waren die - zum Großteil durch die langen Anfahrtwege entstandenen - Betriebskosten nicht hereinzuholen.
- Datum 15.02.1985 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.2.1985 Nr. 08
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