Essen

Der Landeskonservator Dr. Walter Buschmann vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege in Bonn kommt sich vor „wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel“. Buschmann ist der Hase, und der Igel, der ihm jedesmal zuvorkommt, ist ein Abbruchbagger. In Essen spielte Buschmann besonders häufig den Hasen. Vor rund einem halben Jahr erst verlor er den Wettlauf um den Erhalt der stillgelegten Zeche Carl Funke am Baldeneysee. Einige Jahre zuvor war die Fried. Krupp GmbH schon zweimal schneller als der Denkmalschützer: 1978 ließ sie ihr um die Jahrhundertwende errichtetes Hauptverwaltungsgebäude abreißen und 1980 das Arnold-Haus, einen Bestandteil der alten Kruppschen Krankenanstalten – beides nach Ansicht Buschmanns „denkmalwerte“ Bauten. Vergangene Woche kam der Krupp-Konzern dem Konservator ein drittes Mal zuvor.

Ohne Vorankündigung rückte auf dem Oberbarnscheidthof, einem alten Gehöft im Süden Essens unweit des Baldeneysees, ein Abbruchbagger an und ging zielstrebig ans Werk. Noch ehe die Stadtverwaltung einschreiten konnte, waren die Neben- und Wirtschaftsgebäude dem Erdboden gleichgemacht und die Rückwand am dreistöckigen Herrenhaus eingerissen.

Die Firma Krupp, seit Anfang des Jahrhunderts Besitzerin des Hofes, schuf schnell noch Fakten, bevor die Anlage unter Denkmalschutz gestellt werden konnte. Denn just an jenem Montagmorgen vergangener Woche, als der Bagger anrollte, wurde im Essener Baudezernat ein Schreiben versindfertig gemacht, in dem dem Konzern mitgeteilt werden sollte, daß der Oberbarnscheidthof unter Denkmalschutz gestellt würde. Um dies zu vereiteln, setzte sich Krupp über geltendes Recht hinweg: Die Firma ließ einen Großteil des Gehöfts abreißen, obwohl „der Abbruch weder beantragt war noch eine Abrißgenehmigung vorlag“, so Essens Baudezernent Peter Steckeweh – ein glatter Verstoß gegen die Landesbauordung.

Ein Firmensprecher bestreitet das gar nicht. Man habe die Abrißgenehmigung nicht abwarten wollen, um zu verhindern, daß mit dem Gebäude, das bis vor kurzem als Wohnhaus vermietet war und seit einigen Monaten leerstand, Mißbrauch betrieben werde. Außerdem sei der Hof „sehr stark runtergekommen“ gewesen. Im übrigen handele es sich um „einen ganz normalen Bauernhof“, auf dem früher das Gesinde wohnte, das in der nahegelegenen Villa Hügel, dem einstigen Domizil der Familie Krupp, arbeitete. Ein „Herrenhaus“, ein „Gehöft“ sei das nie gewesen. Daß der Abriß nun ausgerechnet an dem Tag erfolgte, als die Stadt den Hof unter Denkmalschutz stellen wollte, sei reiner „Zufall“.

Konservator Buschmann mag an einen solchen Zufall nicht recht glauben. Ihm ist zu Ohren gekommen, daß der Konzern beabsichtige, entlang dem Baldeneysee Häuser mit Eigentumswohnungen zu errichten und so „einen starken Eingriff in das Erscheinungsbild“ des Naherholungsgebiets vorzunehmen. Schon im Herbst bat Buschmann daher die Stadt, den Hof, der solchen Plänen im Weg stehen würde, unter Denkmalschutz zu stellen. „Leider hat sich das so lange hingezogen.“

Daß der Denkmalschutz nun wieder einmal das Nachsehen hat, bedauert auch Dezernent Steckeweh. Er hält den Oberbarnscheidthof für denkmalwürdig, weil er als „einer von nicht mehr vielen Bauernhöfen“ im Ruhrtal ein historisch bedeutsames Relikt aus der agrarischen Epoche des Ruhrgebiets darstellt. Eine Inschriftenplatte im Haupthaus trägt die Jahreszahl 1755.