West-Berlin

Die Hauptabteilung Personal des Senders Freies Berlin (SFB) machte nicht viel Federlesens. Mit Datum vom 18. Januar teilte der Sender seiner regelmäßigen freien Mitarbeiterin Dr. Gabriele W. lapidar mit: „Uns wird erst jetzt bekannt, daß Sie wegen Vergehen nach §90 StGB sowie wegen Diebstahls von Kfz-Zeicnen rechtskräftig verurteilt worden sind. Wir bitten um Verständnis, daß wir angesichts dieser Verurteilungen im Interesse unseres Hauses von einer weiteren Zusammenarbeit mit Ihnen absehen müssen. Bitte gehen Sie also davon aus, daß Sie weitere Aufträge von den Redaktionen des SFB nicht mehr erhalten werden. Ihre gegenwärtige Tätigkeit bitten wir sofort einzustellen.“

Der Vorgang wird beide Seiten wohl noch eine Weile beschäftigen. Denn als Frau Dr. W. das geforderte Verständnis nicht zeigte, handelte sich der SFB sechsTage später schon bei der ersten kursorischen Überprüfung durch das Arbeitsgericht per einstweilige Verfügung eine Abfuhr ein. Die Vorstrafe hatte nämlich nicht nur nicht im polizeilichen Führungszeugnis gestanden, sie war auch am 17. Januar – am Tag vor dem „Kündigungsschreiben“ – fristgemäß aus dem Bundeszentralregister getilgt worden. Die 31jährige Journalistin darf sich gegenüber jedermann als unbestraft bezeichnen. Die Sendeleitung steht somit ohne Begründung für das Beschäftigungsverbot da. Die Redakteure würden gerne weiter mit Frau Dr. W. zusammenarbeiten, deren Beiträge – über Menschenhandel aus Indien, Praktiken des Verfassungsschutzes oder gewerkschaftsfeindliche Tendenzen bei BMW – sie schätzen. Im Kollegenkreis weiß man, daß es sich bei der nicht mehr vorhandenen Vorstrafe, die den Ruf des Senders so sehr belasten soll, um das Fehlverhalten einer damals 19jährigen aus dem Jahre 1973 handelt; sie hatte seinerzeit unter anderem einen Bundesadler verunziert. Die Leitung des Senders indes bleibt hart; ein Beitrag der Journalistin über Chile wurde schon nicht mehr gesendet. Beim Gütetermin vor dem Arbeitsgericht zeigten sich die Vertreter der Rundfunkanstalt aufs äußerste entschlossen, sich von der Mitarbeiterin zu trennen, obwohl die alte Begründung entfallen ist.

Ein bißchen Licht in den Vorgang brachte allenfalls der Rechtsanwalt der Journalistin, der in seinem Schriftsatz über Gerüchte berichtete, wonach wohl etwas „von außen“ an die SFB-Intendanz herangetragen worden sei; „diejenigen Leute, die sich von Berufe wegen mit dem Sammeln solcher Informationen befassen“, hätten „noch weiteres belastendes Material“ in der Hinterhand.

Was für Material das sein soll, weiß keiner, zumindest sagt es keiner. Der Anwalt von Frau Dr. W. sieht sich wehrlos gestellt gegen Unsichtbares. Prompt blühen Spekulationen. Vielen muß die 31jährige Journalistin ein Dorn im Auge sein: Sie recherchiert zäh, aggressiv und, wenn sie nicht weiterkommt, fast feindselig. Mit Innensenator Heinrich Lummer hat sie im Vorjahr einen Strauß gehabt, dem Landesamt für Verfassungsschutz hat sie einiges durcheinandergebracht.

Die gängigsten Mutmaßungen indes führen vermutlich ins Leere. Lummer hat in internen Äußerungen glaubhaft gemacht, daß er als Heckenschütze nicht in Frage kommt; dies wäre auch nicht seine Art. Vielmehr sickert durch, daß wohl ein Schreiben ohne Absender mit Behauptungen zu Lasten von Frau Dr. W. für die SFB-Spitze Ausgangspunkt war für ein Verhalten, an dessen Ende das Beschäftigungsverbot stand.

Was die Tätigkeit von Dr. Gabriele W. betrifft, scheint freilich dennoch alles weitere vorbestimmt. Der SFB wird für sein Recht erklären, sich auch ohne Begründung von einer Mitarbeiterin trennen zu können. In Fällen, in denen es schlecht läuft für die Intendanz, werden Beschäftigungsverbote, auch wenn der Entlassene in der Sache obsiegt, oft über Abfindungen doch durchgesetzt, weil eine Zusammenarbeit als nicht mehr „zumutbar“ bezeichnet wird. Sollte es anders kommen, dann müßten sich geradezu hellsichtige Richter finden.

Otto Jörg Weis