Die Dresdner feierten das große Ereignis drinnen mit „Freischütz“, draußen mit Marschmusik

Von Jochen Steinmayr

Dresden

Es hätte ein Opernfestival werden können selbst bei 15 Grad minus. Zumindest war die Kulisse dafür ins schönste Licht gerückt, am ehesten an Salzburg erinnernd. Die schlanke Brücke lenkt das Auge über den Fluß in die Altstadt. Auf dem Wasser treiben Eisschollen wie Silberschuppen. Dahinter das Opernhaus, von Scheinwerfern zum alles überstrahlenden Musiktempel erhoben.

Solchen Ausblick gewann der Gast am Vorabend von Dresdens großem Tag aus dem vierten Stock der für ein Galapublikum wie geschaffenen Luxusherberge, die gerade noch rechtzeitig vor der Wiedereröffnung der Semper-Oper ihre importierten Drehtüren in Gang setzte. An das „Bellevue“, dem geschmackvoll restaurierten barocken Großbürgerhaus mit beigefügtem Glas- und Stahlbau, an seine Boutiquen, Salons, Restaurants und 240 Valuta-Mark teuren Zimmer könnte sich die westliche Opernschickeria vermutlich gern gewöhnen, wenn Dresden künftig in einem Zug mit Salzburg, Bayreuth, Wien und München gezählt zu werden wünschte.

Nicht wenige Dresdner schienen diesem Irrtum verfallen zu sein, denn es geisterten Gerüchte durch die Stadt, die englische Königin käme, der Bundespräsident, Staatsoberhäupter des Ostblocks und berühmte Sänger und Dirigenten. „Haben Sie Placido Domingo schon gesehen?“ wurde ich gefragt.

In den vier sächsischen Lokalzeitungen stand nichts von alledem, wohl aber, daß die Bevölkerung sich einfinden solle, um am Jahrestag der Zerstörung ihrer Stadt morgens auf dem Heidefriedhof die allein dort in Massengräbern bestatteten 22 000 Opfer zu ehren, nachmittags dann bei einer Großkundgebung auf dem Opernplatz die Gedenkrede Erich Honeckers zu hören. Kein Wort von Gala und illustren Gästen.