Toten wollte er nicht – aber der Tod ist ihm vertraut geworden

Von Gerhard Seehase

Der Tod war um 2.40 Uhr eingetreten. Die Nachtschwester band der Verstorbenen einen Nummernzettel um den großen Zeh, zog ihr das Bettuch über den Kopf und öffnete, das Fenster. Die Tür zum Flur der Station 5 blieb jetzt geschlossen.

Um 6.30 Uhr begann an diesem Tag die Krankenhaus-Frühschicht für Andreas Voigt. Er wurde von der Nachtschwester unterrichtet, daß auf Zimmer 12a Frau Paula D. verstorben sei und die Angehörigen bis spätestens zehn Uhr kommen würden, um die Tote noch einmal zu sehen. Er nahm den Schlüssel für 12a und schloß die Tür des Sterbezimmers wortlos auf, als das Ehepaar kurz vor zehn Uhr morgens da war.

Aus respektvollem Abstand behielt er den Raum, hinter dessen Tür ein Abschied für immer stattfand, im Auge. Kaum hatten die Angehörigen das Zimmer verlassen, konnte er seine Arbeit machen. Er legte die Verstorbene auf den Wagen und fuhr sie über den Flur hin zum Fahrstuhl, um sie in die Leichenhalle zu bringen.

Andreas Voigt hatte die alte Frau, die da jetzt unter dem Tuch lag, in den vergangenen Wochen ganz gut kennengelernt. Er hatte mit ihr gealbert („Wollen wir tanzen gehen?“), er hatte mit ihr geschimpft („Das muß aber jetzt gegessen werden“), und er hatte gelegentlich auch einmal ihre Hand gestreichelt. Und jetzt mußte er sie unten im Keller abliefern.

Keiner half bei der Begründung