Von Gunter Hofmann

Bonn, im Februar

Die Familie kommt in Mode. Erhaben und vielversprechend klingen die Politikerworte dazu. Der Dreiklang „Familie, Kinder, Zukunft“, schwärmt Helmut Kohl, sei ein „Synonym für eine glückliche Entwicklung unseres Vaterlandes“. Und wenn es um die Familie geht, steht jeder Unionsmann fest hinter dem Kanzler. Nichts ist ihnen wichtiger, von Dregger bis Späth. Die CSU erklärt sich zur Lobby der Familie und macht sich für Kinder (außer für Türkenkinder) so stark wie für Robbenbabys. Familie ist in. Familie: das ist schlicht auch die Mehrheit.

Wenn die FDP mitzieht, was zweifelhaft ist, dann sollen den Worten Taten folgen. Heiner Geißler kündigt kühn für 1986/88 ein Erziehungsgeld von 600 Mark für ein Jahr nach der Geburt eines Kindes an; für berufstätige oder nicht berufstätige Frauen oder Männer. Obendrein soll es mit einer Arbeitsplatzgarantie versehen sein. Also: gesicherte Rückkehr in den Beruf, Nur so macht es Sinn. Inzwischen tobt darum aber ein Familien-Krieg mit den merkwürdigsten Frontstellungen und Koalitionen.

In der Rhetorik spielt die Familie als „Keimzelle“ unserer Gesellschaft, als Zukunftsgarantie, ja sogar – bei Kohl – als Leitbild für eine geordnete Regierung eine Schlüsselrolle. Der Alltag sieht indes anders aus. Geißlers jüngstem „Durchbruch“ gingen Einsparungen voraus, die vor allem schlechter gestellte Familien und Alleinerziehende, meist Frauen, bitter trafen. Obendrein: Die geplante Reform der Reform beim Ehescheidungsrecht wird neu in die soziale Absicherung der Frauen einschneiden. Nicht zu reden von den Versuchen, den Paragraphen 218 unter dem Motto „keine Abtreibung auf Krankenschein“ zu korrigieren.

Dennoch scheint die Union mit der Familie das politische und ideologische Herzstück ihrer Politik gefunden zu haben. In den fünfziger Jahren war das nicht anders. Frische Impulse hat die Idee aus den sozialen Veränderungen der letzten fünfzehn Jahre erhalten. Sie sind nicht nur als „Kulturrevolution“ angeprangert worden; oft wurden sie auch so empfunden. Nun soll dem Zeitalter der Emanzipation, des neuen Selbstverständnisses von Frauen, der Freizügigkeit und des Autoritätsverlusts die Gegenrevolution folgen. Alte Einstellungen, Werte und Tugenden werden wiederbelebt. Das Bewußtsein soll wieder verändert werden. Zuerst muß die Ordnung in den Köpfen wieder stimmen. An dieser Stelle zieht sich der Staat nicht zurück, er bläst sich oft regelrecht auf.

In den siebziger Jahren hat sich vieles so intensiv und so rasch verändert, daß Politik und Gesetzgebung, mit dem Zeitgeist leidlich im Einklang, kaum Schritt halten konnten. Sicher war die Frauenbewegung die größte „soziale Revolution“ seit langem. Ein Stück Gleichberechtigung wurde verwirklicht. Vor allem Bildungschancen für Mädchen, Erwerbstätigkeit von Frauen, Selbstbestimmungsrechte. Vieles änderte sich im Bewußtsein, einiges an der sozialen Lage.