Von Heinz Josef Herbort

Dresden. Da beginnen die Augen des einen zu leuchten, und die des anderen verdunkeln sich. Da hört der eine nicht auf zu schwärmen, aber die Melancholie des anderen ist auch nur umgeschlagener Stolz. Die „weg“ sind, blättern in einer dick vergoldeten Erinnerung, müssen von Zeit zu Zeit wieder hin, und sei es auch nur, um den Renaissance-Schrank im Pfarrhaus wieder zu sehen. Ein Dresdner, wird später jemand behaupten, sei vielleicht der am innigsten und dauerhaftesten mit seiner Stadt verbundene Bürger.

Aber wer jünger ist als drei-, vier-, fünfundvierzig Jahre, hier wie dort, kennt es gar nicht – das „alte“ Dresden.

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Dresden und die Musik. Das gehört zum Alltag von Forschung und Lehre: der Luther-Freund und -berater Johannes Walter und seine Hofkantorei; Heinrich Schütz und seine erste deutsche Oper („Dafne“, 1627); die Geigenkunst der Westhoffs; die Hofkapelle Augusts des Starken, mit Lotti und Pisendel, Buffardin und Volumier, Zelenka und Weiß, damals Zentrum der europäischen Musikkultur, heute Hauptbezugspunkt für Nicolaus Harnoncourt wie die Kölner Musica Antiqua; Johann Adolf Hasse und die opera seria oder die Sitzordnung des frühklassischen Orchesters; die Silbermann-Orgel der Hofkirche; E. T. A. Hoffmann und Carl Maria von Weber, Robert Schumann und Hector Berlioz; Richard Wagner; Richard Strauss. Davon hört man raunen: Ernst von Schuch und Marie Wittich, Annie Krull, Margarethe Siems und Friedrich Plaschke. Das steht in unseren Platten-Tabernakeln: Fritz Busch, Clemens Krauß, Karl Böhm, Joseph Keilberth; Erna Berger, Maria Cebotari, Elfriede Trötschel, Christel Goltz, Matthieu Ahlersmeyer, Paul Schöffler.

Aber was von all dem ist noch wirksam, was ist zu hören, zu sehen, zu erleben, zu genießen – 440 Jahre nach Walter, 340 Jahre nach Schütz, 240 Jahre nach Bach, 140 Jahre nach Wagner, 40 Jahre nach dem Bombardement?

* Frage an Radio Eriwan: Hat ein sozialistisches Dienstleistungsunternehmen Chancen, an westliche Devisen zu kommen? Antwort: Im Prinzip nein. Es sei denn, es verstünde den Sozialismus so, daß es über den Dienst die Leistung setzte.