Früher wachte der typische Held in einem jungen französischen Film morgens neben Jean Seberg oder Pascale Petit auf. Heute bahnt sich in Frankreich wieder eine „Neue Welle“ an, aber wie anders als zu Jean-Paul Belmondos und Jean Claude Brialys herrlichen Jünglingszeiten ist nun alles. Adrian, der Held von „Le meilleur de la vie“, einem sehr schönen Film des neuen Pariser Regisseurs Renaud Victor, klettert am frühen Morgen arg mitgenommen aus dem Bett: Hinter Adrian schläft selig auf dem Laken im Sonnenlicht – keine neue Brigitte Bardot, sondern ein Kind im Strampelanzug, das Adrian mit seinem Zahnwehgeschrei die Nacht zur Hölle gemacht hatte.

Dieser neue französische Held rennt öfter mit seinem Baby durch die Gegend als mit seiner bildhübschen Frau Veronique. Adrian zerbricht an der Ehe, weil er eine romantische Vorstellung von der Liebe hat und weil er nicht klar kommt mit der Stärke und Unbekümmertheit, die sich Veronique in der Ehe bewahrt.

Starke, unabhängie Frauen oder um Unabhängigkeit kämpfende Frauen bestimmen auffallend viele Filme. „Wir haben die kraftvollen Frauen entdeckt, und jetzt können wir nicht mehr von ihnen lassen“, sagt der amerikanische Regisseur Robert Benton, ein Hollywood-Intellektueller, der in seinem Film „Places in the Heart“ eine Frau zeigt, die in der US-Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre mit List und Ausdauer ihre Familien auf fast märchenhafte Weise durchbringt.

Die Schauspielerin Sally Fields spielt in diesem Film alles an die Wand. Und das ist eine weitere Beobachtung: Im künstlerischen Film haben Schauspielerinnen jetzt ihre große Stunde – und sie legen in einer Weise los, mit einem Druck und einer Überzeugungskraft, daß man um die Männer fürchten muß. Ein neuer Belmondo täte gut. Ein Held, der nicht mehr an den Frauen leidet. Und der die schreiende Last im Strampelanzug bei der verdutzten Großmutter ablieferte, um in seinen geklauten Alfa Romeo zu steigen: ab an die Côte d’Azur, wo Jean Seberg mit dem „schönsten Lächeln der Welt“ wartet.

Heute sagt im Film keiner mehr zu einer Frau, „Du hast das schönste Lächeln der Welt“ – heute bleibt diesen entmachteten, zerrissenen Helden nur noch der japsend oder stammelnd hervorgebrachte Satz: „Du bist ein harter Brocken“. So macht Kino auf die Dauer keinen Spaß mehr. Schade, daß nicht die Berlinale von 1960 über die Bühne geht, denn damals lief Godards „Außer Atem“ mit Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo, was für ein Traum. Siegfried Schober