Von Roman R. Landau

Erst jetzt, ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Hitler-Diktatur, scheint so etwas machbar zu sein: Eine Ausstellung zum mittel- und osteuropäischen Judentum. Solange die jüdischen Gemeinden noch existierende und lebendige Gemeinwesen waren, verzichteten ihre Mitglieder lieber auf jede Form von Selbstdarstellung. Zu Recht, denn der Antisemitismus der christlichen Gastländer war unterschwellig immer vorhanden. Auf der anderen Seite war der Vernichtungsfeldzug der Nationalsozialisten so erfolgreich gewesen, daß es dann später nicht mehr viel auszustellen gab.

Der in New York lebende Wiener Journalist Joachim Riedl hat sich, zu Beginn der achtziger Jahre daran gemacht, Überreste und Spuren der jüdischen Kultur Europas zu sammeln. Und der verdienstvolle Jewish Welcome Service in Wien übernahm es, mit dem Material eine Ausstellung zu bestreiten. Sie fand im November und Dezember im Künstlerhaus in Wien statt. Der Katalog zur Ausstellung war innerhalb einer Woche vergriffen. Wenn man jetzt die zweite Auflage des Katalogs in Händen hält, dann weiß man, warum und man wünscht sich, daß die Ausstellung vielleicht auch noch in der Bundesrepublik stattfinden könnte.

Das Bildmaterial ist beeindruckend und stützt sich wesentlich auf die Photos von Roman Vishniac. Vishniac lebt heute 88jährig in New York und hat erst kürzlich bei Hanser einen kleinen Ausschnitt seiner Arbeit publiziert. Er ist wohl der einzige (Amateur-)Photograph, der das osteuropäische „stetl“ systematisch dokumentiert hat. Acht Jahre lang reiste er mit seiner Rolleiflex und seiner Leica umher und photographierte heimlich die Leute, denen sonst keiner Aufmerksamkeit schenkte und die froh waren, wenn man sie in Ruhe leben ließ: den ärmlichen Krakauer Kaufmann, in dessen Laden es keine Waren gibt; den Bauern, der am Markt von Warschau eine Handvoll Rettich anbietet; den Fischhändler im Schneetreiben. Alles Todgeweihte.

Dabei war seine Arbeit so ungefährlich wie die Überquerung des Nordatlantiks in einem Segelflugzeug. Elfmal wurde er verhaftet ins Gefängnis geworfen, einmal entkam er dem Konzentrationslager und ein anderes Mal rettete er sich aus einem jüdischen Anhaltelager nur durch einen beherzten Sprung aus dem zweiten Stock. Er bestach Grenzbeamte, verkleidete sich als SS-Mann, um die Bücherverbrennung zu photographieren und bezeichnet sich, befragt nach seinem Selbstverständnis, als „jüdischen Spion“. Der größte Teil seiner Arbeit ging unglücklicherweise in den Wirren des Krieges verloren. Geblieben sind ihm immerhin 2000 Negative. Bescheinigt man dem Bildmaterial eine hone Qualität, so muß das gleiche vom Textmaterial gesagt werden. Seltene und verstreute Texte sind da versammelt. Heinrich Heine schreibt über die Emanzipation des Judentums. Joseph Roth schreibt über die Ostjuden, die in den Westen emigrierten, Arnold Zweig schreibt über „Das ostjüdische Antlitz“ und Lion Feuchtwanger fragt: „Bin ich deutscher Schriftsteller? Bin ich jüdischer Schriftsteller?“ Texte von Martin Buber, Hermann Broch, Paul Celan, Egon Erwin Kisch, Max Brod, Jakob Wassermann, Hugo Bettauer, Shalom Asch und Theodore S. Hamerow, um nur einige herauszuheben, machen das 242 Seiten dicke Buch zu einer beeindruckenden Dokumentation.

Einen Mangel kann jedoch auch dieses Buch nicht verheimlichen: daß nämlich alle Beschreibungen und Analysen der ukrainischen und galizischen jüdischen Gemeinden Beschreibungen und Analysen von außen sind. Mit der Ausnahme des jüdischen Romanciers Shalom Asch hat keiner der Autoren das „stetl“ wirklich von innen, als Betroffener, erlebt. Nur so ist die latente Romantisierung der ostjüdischen Lebensweise verständlich, die leicht vergißt, daß das Leben der jüdischen Schuster und Schneider, Hausierer und Bettler oftmals ein Leben unter dem Existenzminimum war.

Auf der anderen Seite muß man es Joachim Riedl hoch anrechnen, daß er nicht, wie viele andere vor ihm, die Spannungen innerhalb der Juden harmonisierte. Denn zwischen den deutschen Juden und den polnisch-russischen Juden herrschten Gegensätze, die die Nazis geschickt nutzen konnten. Dachten doch die deutschen, bürgerlichen und wahrhaft germanisierten Juden, die sich ein Leben ohne Tannenbaum schon nicht mehr vorstellen konnten, daß sich der Hitlersche Vernichtungswahn allenfalls auf die armen, proletaroiden Vettern im Osten beziehen könne. Und die waren den deutschen Juden genauso fremd wie allen anderen Deutschen.