Beim bildungspolitischen Kehraus, der zur Zeit in Bonn stattfindet, wird so manches einfach auf den Müll geworfen, ohne hinzusehen, ob Recycling nicht sinnvoll und nützlich wäre. Beispiel: die Integrierte Gesamthochschule. Das Marketing sozial-liberaler Bildungspolitik war nie sonderlich geschickt, die Verpackung oft recht unhandlich. Doch was drin war, sieht auch heute so übel nicht aus.

Sechs Gesamthochschulen gibt es im Bundesgebiet. Fünf in Nordrhein-Westfalen, eine in Hessen. Man kann also nicht behaupten, ihre Verfechter hätten sich weiland ein Bein ausgerissen, um ihren Hochschultyp flächendeckend einzuführen. Weder in Hessen, Berlin, weder in Bremen noch Hamburg und auch nicht im größten deutschen Bundesland an Rhein und Ruhr ist die Gesamthochschule zur Regel geworden. Die Gesamthochschule war schon 1976 nicht mehr die Leiticee der deutschen Hochschulentwicklung. Mit der jetzt parlamentarisch eingeleiteten Änderung des HRG wird das Ableben einer großen Reformidee nur noch posthum notariell beglaubigt. Übrig bleiben sechs Gesamthochschulen, über die man jedoch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann mit dem Hinweis, die Gesamthochschulidee bitte ohnehin nur „der Mittelmäßigkeit“ Tür und Tor geöffnet, wie Bundesbildungsministerin Vilms meint.

Geboren wurden die Gesamthochschulen Ende der sechziger Jahre. Pate standen da Überlegungen, die Hochschulen aller Konvenienz, also Fachhochschulen, Akademien, Ingenieurschulen und Universitäten in einer Region zu einem durchlässigen System zusammenzufassen, das es erlaubt, ohne große Umwege und Barrieren zu wissenschaftlichen Abschlüssen auf- oder umzusteigen. „Bürgerrecht auf Bildung“, „Erschließung van Begabungsreserven“ waren damals die Stichworte. Haben sie heute etwa an Gültigkeit verloren?

Indem die Gesamthochschulen ihre Tore auch für Jugendliche ohne Abitur öffneten, haben sie – Chancengleichheit ist immer noch die beste Begabtenförderung – vielen zu wissenschaftlichen Karrieren verholfen, die ihnen deutsche Kultusminister bis heute noch nicht zutrauen. Immerhin müssen sich hier Fachoberschüler nicht im mühsamen Zickzackkurs über die Fachhochschule an Technische Hochschulen und Universitäten heranrobben, wo ihnen dann bestenfalls Anteile ihres. Fachhochschulstudiums anerkannt werden.

Die Modelle dieses Durchstiegs sind nicht in allen Gesamthochschulen gleich. Besonders überzeugend wirkt das Kasseler Modell, das nach sechs Semestern (und zwei halbjährigen Praktika) ein erstes berufsqualifizierendes Diplom anbietet, auf das dann eine weitere wissenschaftliche Qualifikation mit Diplom draufgesetzt werden kann. Die Ergebnisse in Kassel wie an nordrhein-westfälischen Hochschulen zeigen, daß ebenso viele ehemalige Fachoberschüler wie Abiturienten den höheren akademischen Abschluß geschafft haben.

Schon lange machen Gesamthochschulen möglich, was immer wieder von Bildungspolitikern aller parteipolitischen Couleur gefordert wird: die Erprobung des Gelernten an und in der Praxis. Kasseler Studenten gehen schon während ihres Studiums in Betriebe, in Altenheime, in die Landwirtschaft. Vielleicht sollten die Hochschulplaner aus Bonn doch ein wenig mehr reisen, bevor sie pauschal behaupten, daß eine Studienreform an deutschen Hochschulen nicht stattgefunden hat.

Gesamthochschulen haben in der Scientific Community, in der Loge der Wissenschaft und ihrer Förderer, keinen leichten Stand. Ihre alternativen, oft grün anmutenden Fragen von der Ökologie bis zu den sanften Technologien, von der Alters- bis zur Frauenforschung, ihr Bestreben, sie gemeinsam und damit interdisziplinär anzugehen, all das läuft dem deutschen Kästchen- und Fächerdenken im Wissenschaftsbetrieb diametral entgegen. Interdisziplinäre Arbeitsgruppen sind keineswegs Alltäglichkeiten an deutschen Universitäten. Und vielleicht liegt in der Unfähigkeit, über den Tellerrand der eigenen Fachdisziplin zu gucken, der eigentliche Grund für den heute so heftig beklagten Mangel an nobelpreisträchtigen Leistungen in der Bundesrepublik.