Von Ulrich Schiller

Washington, im Februar

Unter besonderen Umständen gehen auch die Amerikaner sprachlich fremd. Das enfant terrible ist ihnen dann so unersetzlich wie das Wunderkind. Dies gilt zumal, wenn die beiden Fremdwörter so auf einen Menschen passen, wie das bei David Stockman ganz offensichtlich der Fall ist. Erst vor kurzem hat Präsident Reagans Haushaltsdirektor sich wieder einmal die in amerikanischen Ohren exotisch klingenden Belobigungen verdient. Frustriert vom ewigen Ressortegoismus nannte er vor dem Haushaltsausschuß des Senats das freigiebige Pensionssystem der Militärs einen Skandal und die unter Amerikas Farmern um sich greifende Pleite „die Art, wie eine dynamische Wirtschaft funktioniert“. Eine Premiere des Provozierens war das für Stockman nicht. Aber diesmal gab es einen wahren Sturm im Blätterwald, und Donald Regan, der neue Stabschef im Weißen Haus, erteilte Stockman öffentlich eine Rüge und mahnte ihn zur Kabinettsdisziplin.

Schon vor vier Jahren hatte Stockman für Aufsehen gesorgt. Damals hatte der Präsident selbst seinen jungen Haushaltsdirektor an die Brust genommen, weil der in einem Interview behauptet hatte, die Wirtschaftspolitik der neuen Regierung Reagan sei bei Licht besehen ein „Trojanisches Pferd“ – profitieren würden davon nur die Reichen. Schon zu jener Zeit glaubten viele, Stockmans Tage im Weißen Haus seien wohl gezählt. Inzwischen ist das 38jährige Wunderkind mit der ergrauten Mähne nicht nur Amerikas jüngster Haushaltsdirektor; er hat auf diesem Schleudersitz auch länger verweilt als jeder seiner Vorgänger.

Seitdem ist das Wunderkind/enfant terrible allerdings auch zum fiskalischen Architekten der konservativen Revolution Ronald Reagans gereift. Sein Zornesausbruch über das Fortleben heiliger Kühe im Etat war deshalb keineswegs ein Ausrutscher, sondern eine kaltblütig vorgetragene Attacke. Wenn Stockman vor dem Senat die Pleite der Farmer als Funktion des Marktes beschrieb und dabei sagte: „Um alles in der Welt sehe ich nicht ein, warum der Steuerzahler jetzt Verantwortung übernehmen soll, weil erwachsene Leute, als die Preise günstig waren, Farmland und Maschinen kauften, nur um höhere Gewinne zu machen“, so entsprach das völlig der Philosophie seines Präsidenten. Reagans Rüge folgte dennoch, weil auch das Weiße Haus sich solche brutalen Verkündigungen nicht leisten darf.

Auch Stockmans Mutter fand keinen Gefallen an dem Rundumschlag des Sohnes. „Er irrt, wenn er glaubt, die amerikanischen Farmer verlangten Almosen von der Bundesregierung“, sagte Carol Stockman in einem Rundfunkinterview, „er hat keine Ahnung, wie viele von ihnen jetzt untergehen – seine Eltern eingeschlossen.“

David Stockman wurde als ältestes von fünf Kindern im südwestlichen Michigan auf einer Farm geboren, die in der mütterlichen Linie seit 1890 im Familienbesitz ist. Kleinstädte des mittleren Westens stehen in dem Ruf, mit ihren rauhen Lebensumständen, dem Mangel an kultureller Abwechslung und einem ehernen Arbeitsethos ein besonders fruchtbarer Nährboden für Talente und Aufsteiger zu sein. Dave Stockman gilt als leibhaftiger Beweis für diese These. Er war an Michigans Staatsuniversität in Religionsphilosophie so gut, daß er 1968 ein Harvard-Stipendium für Theologie erhielt. Pfarrer zu werden, war allerdings, nie sein Berufsziel. Stark beeindruckten ihn jedoch die Schriften des evangelischen Theologen Reinhold Niebuhr, dessen gegenwartsbezogenes Christentum ihm einen Ausweg aus seiner „radikalen Ecke“ verhieß. Denn wie viele seiner Altersgenossen war Stockman mit jugendlichem Elan auf die Barrikaden gegen den Vietnam-Krieg gestiegen.