Von Helmut Trotnow

Der Lebensweg von Karl Marx ist heute bestens bekannt. Generationen politisch und historisch Interessierter haben die Biographie jenes Mannes studiert, der mit seinen politischen und ökonomischen Theorievorstellungen den Sozialismus der Neuzeit wissenschaftlich zu begründen suchte. Das Schicksal seiner Familie spielt in fast allen Marx-Biographien ebenfalls immer eine große Rolle, denn der Theoretiker des „Kapitals“ hat zeit seines Lebens Mühe gehabt, Frau und Kinder zu ernähren, und seine politischphilosophische Arbeit beherrschte das Leben der Familie. Lohnt es sich daher überhaupt, eine Biographie seiner Frau Jenny zu schreiben oder ist nicht schon alles in den bisherigen Darstellungen nachzulesen? Der reißerische Titel „Die rote Jenny“ läßt dabei noch zusätzlich den Verdacht aufkommen, daß hier entweder Personenkult im Sinne kommunistischer Historiographie oder „Aufklärung“ in Richtung Frauenemanzipation betrieben werden soll.

Die Vorbehalte stellen sich als grundlos heraus. Gewiß, H. F. Peters hat keine neuen Quellen aufgetan; er erzählt nur die bekannte Geschichte. Doch es ist erstaunlich, wieviel Bedenkenswertes herauskommt, wenn man die altbekannten Fakten aus einer anderen Perspektive betrachtet. „Ich habe dieses Buch nicht geschrieben“, bekennt Peters in der Einleitung, „um Mitleid für das schwere Schicksal einer Frau zu erregen, sondern um auf die Gefahren hinzuweisen, die uns durch Monomane drohen.“ In der Tat, Karl Marx hat nicht nur rücksichtslos gegenüber sich selbst, sondern auch gegen seine Frau und Kinder gelebt. Der Familie ist es schlecht bekommen: Jenny Marx war am Ende ihres Lebens leer und verbraucht; zwei der drei Töchter endeten durch Selbstmord. „Wenn ich mein Leben noch einmal beginnen müßte“, gestand Marx seinem zukünftigen Schwiegersohn, Paul Lafargue, „würde ich das gleiche tun. Aber heiraten würde ich nicht.“

Doch beginnen wir am Anfang. Jenny Marx, geborene von Westphalen, kam am 12. Februar 1814 im norddeutschen Salzwedel zur Welt. Sie war das erste Kind aus der zweiten Ehe, denn ihr Vater Ludwig von Westphalen hatte nach dem Tode seiner ersten Frau 1807 Caroline Heubel, „eine kluge, gut erzogene Frau aus dem Volke“, geheiratet. Ihr ältester Stiefbruder, Ferdinand, sollte später in ihrem Leben noch eine wichtige Rolle spielen. Als preußischer Minister des Inneren ließ er den angeblichen Kommunisten Karl Marx in London beschatten und das Material sammeln für den berühmten Kölner Kommunisten-Prozeß des Jahres 1852.

Der Aufstieg der Familie Westphalen von bürgerlicher Anonymität zur gesellschaftlichen Prominenz war im Anschluß an den Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) erfolgt. Es war Jennys Großvater gewesen, der als Privatsekretär des Herzogs Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel die strategischen Pläne für viele der erfolgreichen Schlachten zugunsten des preußischen Königs lieferte. Philipp von Westphalen heiratete nach Kriegsende Jennys Großmutter, Jeanie Wishart, die Tochter eines schottischen Geistlichen aus Edinburgh.

Jenny Marx hat sich später immer voller Stolz zu ihrer adeligen Familie bekannt. „Mrs. Karl Marx, nie Baroness Jenny von Westphalen“, so hieß es auf der Visitenkarte, die sie sich bei ihrer Ankunft in England 1849 drucken ließ. Ihren Mann, der im Kommunistischen Manifest gemeinsam mit seinem Mitstreiter Friedrich Engels nicht weniger als die „Diktatur des Proletariats“ gefordert hatte, brachte dies mehr als einmal in Verlegenheit. „Nimm Dich mit Deinen Baroneßkarten in acht“, warnte er sie einmal sogar schriftlich. Doch auch in anderer Hinsicht orientierte sich die Familie Karl Marx mehr an den Westphalens als an den Marxens. Die Namen der Kinder gehen alle auf Jennys Geschwister zurück. Die Zweitälteste Tochter wird nach Jennys früh verstorbener Schwester Laura benannt; Marx’ einziger Sohn, der 1855 im Alter von sieben Jahren starb, erhielt den Namen von Jennys Lieblingsbruder Edgar.

Jenny von Westphalen lernte ihren Mann, der vier Jahre jünger war als sie, schon als Kind kennen. Sie war zwei Jahre alt, als ihr Vater nach Trier versetzt wurde. Als Mann liberaler und humanistischer Ideen war Ludwig von Westphalen den Preußen in Berlin nicht preußisch genug. Ähnlich erging es Heinrich Marx, einem der bekanntesten Rechtsanwälte der Stadt, der seinen jüdischen Glauben aufgegeben hatte, um auch unter preußischer -Herrschaft weiterhin seinen Beruf ausüben zu können. Die Familien traten miteinander in Kontakt. Vor allem Ludwig von Westphalen hat dabei den Jugendlichen Jenny und Karl die Ideen der Französischen Revolution in vielen Gesprächen vermittelt. Als Karl Marx 1840 von der Universität Jena die Doktorwürde (in Abwesenheit) verliehen wurde, widmete er die Arbeit seinem späteren Schwiegervater. In der Widmung heißt es: „Sie, mein väterlicher Freund, waren mir stets ein lebendiges argumentum ad oculos, daß der Idealismus keine Einbildung, sondern eine Wahrheit ist.“ Dennoch kam die spätere Ehe von Karl und Jenny Marx keineswegs selbstverständlich zustande. Mit 17 Jahren war Jenny die ungekrönte Königin der Casino-Bälle in Trier; sie hatte – wie die Zeitgenossen berichten – viele Verehrer. Einer von Ihnen, ein junger Leutnant namens Karl von Pannewitz, hielt denn auch nach einem dieser Tanzabende um ihre Hand an. Jenny gab zunächst ihr Ja-Wort und die Familie Westphalen war hocherfreut über den zukünftigen Schwiegersohn „aus sehr gutem Hause“. Die Tochter des liberal denkenden Ludwig von Westphalen bemerkte jedoch sehr bald, daß ihr Verlobter mehr an „Disziplin und Rangordnung“ als an Fragen der Ethik und Moral interessiert war. „Von ihrem Vater hatte sie gelernt“, schreibt Peters, „daß über jedem von Menschen gemachten Gesetz das Gesetz des eigenen Gewissens steht.“ Die Unterschiede in den Auffassungen waren zu groß und Jenny löste die Verlobung.