Skepsis gegenüber Reagans Weltraum-Plänen

Von Theo Sommer

Ronald Reagans Werber schwärmen bündnisweit aus und rühren die Trommel für den Science-fiction-Traum einer wasserdichten Raketenabwehr aus dem Weltraum – „SDI“ im Jargon der Fachleute, strategische Verteidigungsinitiative; „Krieg der Sterne“ in der kernigen Kürzelsprache der Schlagzeilen. Dabei ist in Washington noch längst nicht entschieden, was eigentlich wünschenswert und machbar ist: eine „absolut verläßliche und totale Raketenabwehr“ (US-Verteidigungsminister Weinberger), die Moskaus Atomraketen ein für allemal „impotent und hinfällig“ werden läßt (Reagan) – oder allenfalls ein begrenzter Schutz für Amerikas eigene Interkontinentalraketen. Der Unterschied ist gewichtig: Im ersten Fall ginge es um eine völlige Abkehr von jenem Gleichgewicht der Abschreckung, das in den vergangenen vierzig Jahren den Frieden erhalten hat, im zweiten Fall darum, dieses Gleichgewicht für die nächste Zeit zu befestigen.

Der Bundeskanzler hat sich an diesen Unklarheiten nicht gestoßen. Er hat den Amerikanern Bonns Bereitschaft bekundet, sich an ihrer Raketenabwehr-Forschung zu beteiligen. Wohl verband er einige Erwartungen damit, die sich auch als Vorbedingungen auslegen lassen: Die Strategie der flexiblen Erwiderung dürfe nicht angetastet werden; es dürfe im Bündnis keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit, keine Abkopplung Europas von Amerika geben; die Entwicklung müsse sich in Kooperation beider Großmächte vollziehen; bis zu neuen einvernehmlichen Regelungen müsse jener ABM-Vertrag bestätigt werden, der die Raketenabwehr bestimmten Begrenzungen unterwarf; Information und Konsultation der Verbündeten müßten gewährleistet sein. Aber das Kanzler-Angebot war ein Schuß aus der Hüfte. Die interministerielle Arbeitsgruppe, die im Bundeskanzleramt die Auswirkungen von Reagans Weltraumplänen auf die atlantische Allianz untersucht und die bundesdeutschen Interessen definieren soll, ist mit ihren Erwägungen noch längst nicht fertig.

Zu den SDI-Fans gehört auch Baden-Württembergs viver Ministerpräsident Lothar Späth. Er ließ sich vorige Woche in Washington begeistert aus: „Wir beschäftigen uns zu sehr mit den militärischen und sicherheitspolitischen Aspekten und übersehen, daß sich hinter diesem Programm eine neue Generation von Technologie verbirgt, an der wir beteiligt sein müssen, wenn wir unsere Rolle als modernes Industrieland weiter spielen wollen.“ Zu Reagans Traum von der absoluten Unverwundbarkeit Amerikas gesellt sich da eine himmelstürmende Besessenheit – der Drang, über den Weltraum in ein neues technologisches Zeitalter vorzustoßen. Indessen kommt auch hier die Begeisterung mehr aus dem Zwerchfell als aus nüchterner Überlegung. Noch wissen die Amerikaner gar nicht, in welche Richtung sie die Forschung eigentlich vorantreiben sollen – ihre Horserace Studies, auf deren Grundlage das Pentagon dann seine Ausschreibungen formulieren will, werden erst für nächsten Monat erwartet. Noch gibt es in Washington höchst unterschiedliche Auffassungen darüber, ob und wie Verbündete sich an dem SDI-Forschungsprogramm beteiligen sollen. Offizielle Regierungsbeteiligung? Oder einfach Teilnahme einzelner Firmen am Ausschreibungswettbewerb? Und noch ist sich auch die westdeutsche Industrie ja keineswegs darüber klar, wie real eigentlich der technologische Schub ist, der von der SDI-Forschung ausgehen kann.

Neuer Wettlauf

Warum also die Eile? Es gibt vielerlei schwerwiegende Gründe dafür, das ganze Star War-Vorhaben als eine Fata Morgana zu bewerten; als gefährliche Verirrung, die das Wettrüsten nicht bremsen, sondern ankurbeln wird; als einen „utopischen Auffangpunkt für ein reales Versagen“ – das Versagen nämlich, die überquellenden Raketenarsenale der Supermächte mit politischen Mitteln zu kontrollieren und schließlich zu vermindern; als einen jener technological fixes, wie sie die Amerikaner so sehr lieben, obwohl sie doch nach aller Erfahrung immer mehr Probleme schaffen als lösen. Ein Nein zur Raketenabwehr aus dem Weltraum ist jedenfalls mit ernstzunehmenden Argumenten zu begründen (siehe ZEIT, 15/1984, 21/1984, 2/1985). Doch auch eine Beurteilung des Projektes wird zunächst einmal die Antwort auf eine Reihe von skeptischen Fragen suchen müssen.