Ein Grundsatzgespräch, auch ein bildungspolitisches, wird, wenn an die zwanzig Personen daran teilnehmen und es knappe drei Stunden dauert, durch drei Merkmale bestimmt. Erstens: Jeder sagt, was er sowieso und immer schon sagen wollte – eine Moderation ist zwecklos. Zweitens: Das Kommuniqué ersetzt – dies hat Albert Camus schon so gesehen – leicht den Dialog. Drittens: Die Beteiligten sind hinterher von ihrem Gespräch angetan, finden, daß man noch nicht zu Ende gekommen sei und verlangen nach Fortsetzung.

In Berlin hatte die Schulsenatorin Hanna-Renate Launen (CDU) eingeladen und aus ihrer Partei die Bundesbildungsministerin Dorothee Wilms und den Berliner Wissenschaftssenator Wilhelm Kewenig dazugebeten. Ihnen gegenüber saß ein zwar mehrheitlich konservativ, indessen nicht klar christdemokratisch gestimmter Gesprächskreis: Der Präsident der Freien Universität, Dieter Heckelmann, gehörte dazu, der FU-Professor Alexander Schwan, der frühere Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Hellmut Becker, der Leiter des Berliner Wissenschaftskollegs, Peter Wapnewski, und Günter Braun von der Industrie- und Handelskammer. „Was wären Ihre wichtigsten Themen, was würden Sie tun, wenn Sie Kultusminister wären?“ Bei dieser Ausgangsfrage der Schulsenatorin konnte einem leicht in den Sinn kommen: So in etwa würde auch ein neuer Bildungsrat, wollte ihn denn jemand, in seiner ersten Sitzung auf Jagd nach den bildungspolitischen Schlüsselthemen gehen.

Lockerungsübungen am Anfang: Wilhelm Kewenig würde, wenn er nicht nur Senator wäre, sondern auch noch tun könnte, was er wollte, die Erstausbildung an den Hochschulen auf drei Jahre begrenzen, einheitlich, ohne Abstriche, und sich um Ausnahmewünsche und Zipperlein von den Agrarwissenschaftlern bis zu den Zahnmedizinern nicht scheren. Denn wenn, so Kewenig, die Umstände gegenwärtig eher so seien, daß für Berufe ausgebildet würde, die keiner recht kenne, seien Generalisten überlebensfähiger als Spezialisten des falschen Zuschnitts. Indes – Kewenig lieferte das Dementi gleich mit.

Kewenigs anderen Wunsch, mehr Anreize für Wissenschaftler zu schaffen, um Erfindungsgeist und Wettbewerb zu stärken, konterte Heckelmann mit dem Hinweis, daß die berufliche Perspektivlosigkeit des akademischen Mittelbaus demotivierender wirke als Prämien und Preise wettmachen könnten. Heckelmann, auch er ganz Prinzip Hoffnung, möchte am liebsten die zentrale Vergabe von Studienplätzen abschaffen, um Universitäten ihre Studenten und Studenten ihre Universitäten wählen zu lassen. Hier genügte schon der gemurmelte Hinweis auf die Rechtslage, um die Diskussion darüber zu stoppen.

Realitätsnäher war seine Annahme, daß mit dem Geburtenrückgang an den Universitäten der Schwerpunkt der neunziger Jahre die Weiterbildung sein werde. Ja, meinte Hellmut Becker, so sei es, nur gehöre mehr und anderes dazu, als mit dem alten Lehrangebot auf die Jagd nach neuen Kunden zu gehen.

Kann man die Not zur Tugend erklären? Kann man, wie Dorothee Wilms dies will, auf einen neuen Bildungsgesamtplan verzichten zugunsten der unmittelbaren Antwort auf Krisen? Kan man Krisen nicht voraussehen? War denn die drohende Lehrerarbeitslosigkeit nicht schon Anfang der siebziger Jahre aus den Statistiken ablesbar? War Bildungspolitik nicht zumeist und leider nur Krisenintervention? Welche Ohnmacht befällt das Bildungswesen angesichts der Jugendarbeitslosigkeit!

Ratlosigkeit der Berater: Soll man, so Günter Braun, das Verhältnis von Bildungswesen und Beschäftigungssystem erneut bestimmen und jener Dauerfrage nachgehen, die sich gegenwärtig – ganz ohne den Zuspruch von Bildungsplanern – doch von alleine geklärt hat? Waren die beiden Bereiche in der jüngeren Vergangenheit jemals stärker entkoppelt? Wer weiß denn schon, mit welcher Ausbildung und welchem Abschluß er heute welche Plazierungschancen hat?