Von Rolf Zundel

Nach den Regeln der politischen Werbung, die bei Parteitagen vor Wahlen besonders streng beachtet werden, müßte das Treffen der Liberalen in Saarbrücken eigentlich so ablaufen: feierlich-gerührter Abschied vom Parteivorsitzenden Hans-Dietrich Genscher, überwältigende Mehrheit für den Nachfolger Martin Bangemann, dem sein Vorgänger verspricht, ihm immer loyal zur Seite zu stehen. Und dann noch das Pflichtprogramm: glatte Wiederwahl des Generalsekretärs Haussmann, Neuwahl des stellvertretenden Parteivorsitzenden Gerhardt (kein Problem mehr, da Hildegard Hamm-Brücher, um ihrer Partei Belastungen zu ersparen, auf eine Kandidatur verzichtet hat) und schließlich, nach besonnen maßvoller Debatte, Verabschiedung des liberalen Manifests und einiger Anträge. Geschlossener Aufbruch in den Wahlkampf: Gemeinsam werden wir es schaffen.

Doch die Erfahrung schreckt und warnt. Es war immer schon etwas riskant, auf die Parteiräson der Liberalen zu vertrauen; das zumindest hat sich auch nach der Wende noch nicht geändert. Wenige Wochen vor der Europawahl des vergangenen Jahres hatten die Freien Demokraten auf ihrem Münsteraner Parteitag dem Unmut gegen die Führung in Bonn im allgemeinen und Hans-Dietrich Genscher im besonderen so freien Lauf gelassen, daß ihr Ausscheiden aus dem Europa-Parlament eigentlich nur noch die zwangsläufige Konsequenz dieser Veranstaltung war. Die Partei war mit sich selbst uneins und wußte nicht warum, auch wenn sie ihrem Unbehagen viele Namen gab: Wende, Führungsstil, Amnestie – und vor allem Genscher.

Inzwischen hat sich einiges geändert. Genscher hat die unhaltbare Position eines Vorsitzenden auf Abruf geräumt. Nicht, daß nun strahlend ein neuer Stern aufgegangen wäre: Martin Bangemann rückt ohne Dramatik, weder getragen von überschäumender Begeisterung noch verzehrt von Mitleidenschaft, aber freundlich-selbstsicher, mit einem ziemlich unverwüstlichen Optimismus in den Parteivorsitz ein. Mittlerweile scheint sich auch die Partei an ihn gewöhnt zu haben; sogar der Umstand, daß es zunächst so aussah, als ob Genscher und nicht die Partei ihn ausgewählt hätte, ist vergessen. Bangemann und sein Generalsekretär haben sich in vielen Reisen zur Basis alle Mühe gegeben, der FDP das Gefühl zu vermitteln, innen gehe es darum, die Kluft zwischen Führung und Mitgliedschaft zu schließen.

Was Bangemann bei seinen Auftritten erzählt hat, ist so ganz genau nicht auszumachen. Natürlich gibt es Kennworte: Toleranz, Mittelstand, Fortschritt durch Innovation und Marktwirtschaft, Mut zur Zukunft. Aber wichtiger war wohl einfach Bangemann: ein von der wende Unbeschädigter, sichtbar im Einklang mit sich selbst und der Welt.

Nur ordnet sich diese Welt der Liberalen nicht ganz so mühelos wie in den Reden Bangemanns. Wie zum Beispiel soll man mit Hans-Dietrich Genscher umgehen? Da verläßt ja nicht irgendeiner die Bühne, sondern ein Mann tritt ein paar Schritte zurück, der die FDP fast elf Jahre geführt und geprägt hat – so sehr, daß Partei und Person kaum mehr zu trennen waren, überdies ein Bonner Profi, unerreichbar in dieser Eigenschaft, auch von seinem Nachfolger nicht. Es ist ja richtig, daß viele in der FDP der Meinung sind, die Ära Genschers müsse nun eben zu Ende gehen. Aber so, wie er in den letzten Monaten hart und geschickt die Position der Partei in der Koalition herausarbeitete, hat er die Liberalen beeindruckt und einen Standard vorgegeben, der jedem Nachfolger beschwerlich sein muß.

Fast klingt es wie ein Märchen: Selbst vertraute Mitarbeiter Genschers und Bangemanns wissen von keinem bösen Wort, das der eine über den anderen hätte fallen lassen, und sei es auch nur in einem Nebensatz. Und zweifellos sind beide bemüht, der Partei und dem Publikum eine von allen Mißtönen freie Amtsübergabe vorzuführen. Aber eine Zäsur ist dieser Wechsel. Nachfolger Genschers zu werden ist nicht viel leichter, als Brandt oder Strauß zu folgen.