Hörenswert

„Horaz in der Musik“. Wer wünschte nicht, hat Herder gefragt, „die schönsten Strophen dieser Gesänge in ihren lieblichen Cadenzen, im schönen Reigentanz ihrer Bilder, jetzt bei der Guitarre und Laute, jetzt bei einem volleren Saitenspiel zu hören“? Und sollten „unsere Musikmeister“ Horazens nicht froh sein, da sie (damals wie heute) „an guten Texten oft Mangel leiden“, an leidenschaftlichen wie an moralischen? Nun weiß man längst, daß kein Dichter je so oft und schon so lange vertont worden ist wie dieser alte Römer. Man liest darüber ausführlich auf der Plattentasche und ist – zusammen mit der Lektüre aller Texte und ihrer Übersetzungen – wohl vorbereitet für diesen schönen Streifzug, der in Mittelalter und Renaissance (mit Tritonius, Hofhaimer, Lasso) beginnt und in unseren Tagen (mit Kodaly und dem gerade gestorbenen Jan Novak) endet. Es schimmert überall eine angenehme Leichtigkeit durch. Geht es anfangs etwas blaß und schleppend zu, klingen Lachen und Lust, Scherz und Trotz so getragen wie pastorale Gefühle, traut sich der Chor auf der zweiten Seite endlich ein wenig weiter vor: bei Carl Loewe, bei Peter Cornelius und dem unbekannten Reynaldo Hahn (mit überraschend originellen Sätzen), vor allem bei Kodaly und Novak. Schade, es ist eine auch technisch etwas zaghafte Aufnahme: allzu leise, ein bißchen flau, es will nicht recht klingen. (Heidelberger Madrigalchor, Solisten, Ltg.: Gerald Kegelmann; FSM 53409 aud, „audite“ Schallplatten, Behringweg 6, 7302 Ostfildern 1)

Manfred Sack