Lester C. Thurow: Gefährliche Strömungen. Wirtschaftspolitik in der Krise. Campus Verlag, Frankfurt 1984, 292 Seiten, 36 DM.

Im Juli 1982 fand in Tokio eine von viel Presselärm begleitete internationale Konferenz statt, auf der Wirtschaftswissenschaftler aus allen namhaften Ländern der Erde die aktuellen Probleme der Weltwirtschaft diskutierten. Zu den Teilnehmern dieser Mammutveranstaltung gehörte auch Lester C. Thurow, Professor für Ökonomie am Massachussetts Institute of Technology (MIT), als Bestsellerautor und Mitarbeiter von Newsweek ein in den USA nicht unbekannter Mann. Nicht zuletzt der niederschmetternde Eindruck, den diese Konferenz bei ihm hinterließ, war Anlaß für ein Buch von Thurow, das 1983 mit einigem Erfolg in den USA erschien und nun auch unter dem Titel „Gefährliche Strömungen“ in deutscher Übersetzung vorliegt.

Nach Thurow befinden sich Wirtschaftspolitik und Wirtschaftswissenschaft weltweit in einer schweren Krise. Keynesianer stehen gegen Monetaristen, Angebotsökonomen gegen Sättigungstheoretiker, Sozialdarwinisten gegen Sozialutopisten, um nur einige der wichtigsten in Mode gekommenen „Strömungen“ zu nennen. Das eigentlich Bedrückende daran sei, daß jede der sich einander fanatisch bekämpfenden Richtungen und Schulen – ihre Zahl ist mittlerweile mit ihren verschiedenen Verästelungen auf einige Dutzend angestiegen – ihrer Theorie völlig sicher zu sein glaubt.

„Sobald irgend etwas in der Wirtschaft, geschieht“, schreibt Thurow, „erscheinen zwei Ökonomen auf dem Fernsehschirm und vertreten in den ihnen zustehenden dreißig Sekunden diametral entgegengesetzte Auffassungen. Wie aber kann der Laie überhaupt wissen, wer recht hat? Und worüber streiten eigentlich diese angeblichen Experten bzw. wie gehen sie an die Probleme heran, die sie vermeintlich so gut verstehen? Warum herrscht in dieser Disziplin so große Uneinigkeit?“

Die Hauptursache für das fatale Auseinanderdriften der ökonomischen Denkschulen sieht Thurow in dem nicht nur psychologisch, sondern pathologisch zu verstehenden Wunsch nach totaler Sicherheit in einer Welt, die von zunehmender Unsicherheit gekennzeichnet ist. In den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg war es zunächst die von Keynes entwickelte Theorie und Praxis, mit der man die aus dem Ruder gelaufene Wirtschaft – teilweise mit Erfolg – unter Kontrolle zu bekommen versuchte. Als sich dann aber in den sechziger und siebziger Jahren der durch überdrehte Globalsteuerung und die damit verbundenen überdosierten Nachfragespritzen virulent gewordene Inflationsbazillus immer unangenehmer bemerkbar machte, entschloß sich die Mehrzahl der Nationalökonomen zu einer radikalen Kehrtwendung. Vergleichbar der in verschiedenen Teilen der Erde zu beobachtenden Rückkehr zum religiösen Fundamentalismus wurde, so sieht Thurow die gegenwärtige wirtschaftswissenschaftliche Weltlage, die gute alte klassische Nationalökonomie mit ihren ehernen Gesetzen von Angebot und Nachfrage zu „Der Theorie“, während „jeder, der versucht, neue Theorien zur Erklärung neuartiger Phänomene zu entwickeln, als suspekt gilt“.

In der Tat hat die von Adam Smith und seinen geistesverwandten Nachfahren entwickelte Theorie vor allen anderen ökonomischen Denkmodellen den Vorzug rationaler Klarheit. Sie hat, so Thurow, „den Vorteil, daß sie in mathematische Form gekleidet werden kann und daß diese mathematische Ausdrucksweise der Theorie eine scheinbare Präzision und Stringenz verleiht“. Aber sie hat den Nachteil, daß sie „auf einem anthropologischen Irrtum beruht und in ihrer starren Gelehrtenhaftigkeit von der empirisch nicht zu beweisenden Tatsache ausgeht, daß der Mensch, insbesondere der in der Wirtschaft agierende Mensch, ein homo oeconomicus ist, dessen Handeln und Trachten lediglich an der Maximierung seines materiellen Nutzens und Wohlstands orientiert ist“.

Zum mindesten für den deutschen Leser ist das gewiß keine umwerfend neue Erkenntnis. Aber eingepaßt in den allgemeinen Rahmen dieser eloquent geschriebenen und streckenweise sogar vergnüglich zu lesenden Attacke auf die in breiter Front zum Erbe ihrer Väter zurückkehrenden nationalökonomischen Zunftkollegen ist eine gezielte vehemente Auseinandersetzung mit der Reaganomics, also der zur Zeit in den USA praktizierten Wirtschaftspolitik, der sogenannten „Angebotsökonomie“. Das gibt dem Buch seinen konkreten aktuellen Bezug.