Von Horst Rumpf

Wohin ist unsere reformpädagogische Tradition gekommen? Bei uns ist sie in der durchreglementierten Staatsschulwirklichkeit fast verschwunden – in den Niederlanden scheint sie zu einem neuen Leben zu erwachen.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn man sich über Schulentwicklungen im Nachbarland kundig macht. Was bei uns „nicht geht“ – daß Schulen sich aus Instruktions- und Leistungsbeurteilungsanstalten zu Stätten gemeinsamen Lernens und Lebens mausern – das scheint dort Wirklichkeit. Seit etwa 15 Jahren breitet sich da eine Bewegung aus, die inzwischen schon an die 200 Schulen ergriffen und von innen verändert hat – eine pädagogische Schulreformbewegung, die von Lehrern, Eltern, Wissenschaftlern und natürlich, vor allem, von Kindern getragen ist. Politiker und Verwaltungsbeamte respektieren sie nicht nur, sondern unterstützen sie nach Kräften.

Schon die rechtlich-politischen Ausgangsbedingungen muten uns unglaublich an. In uns sitzt die Vorstellung, daß Schulen etwas sind, was der Staat genauso einrichtet wie Finanzämter. Pläne und Vorschriften sind vorgegeben, die Menschen sind ausführende Organe.

In den Niederlanden haben Menschen, gesellschaftliche Gruppen die Freiheit, ihre Schule zu machen, Lehrer auszuwählen, die Innenwelt der Schule verantwortlich zu gestalten nach ihren Überzeugungen. Um eine öffentliche Finanzierung zu erhalten, haben sie sich nur an sehr allgemein gefaßte gesetzliche Auflagen im Hinblick auf Lehrinhalte und ihre Gewichtung zu halten. Und erstaunlicherweise werden diese Freiheiten genutzt, ohne daß das eintritt, was hierzulande gern als düstere Folge von Schulfreiheit an die Wand gemalt wird: Chaos und Verwahrlosung des Lernens.

Diese niederländische Schulreformbewegung hat einen Impuls der deutschen Reformpädagogik der zwanziger Jahre aufgegriffen und fortentwickelt – die sogenannte Jena-Plan-Schule von Peter Petersen. Was anderswo so fruchtbar wird, verdient auch bei uns neue Aufmerksamkeit.

Auf der Tagung des Weltbundes für Erneuerung und Erziehung in Locarno (1927) berichtete Peter Petersen, seit 1923 Professor der Pädagogik an der Universität Jena, über seinen „Plan einer freien allgemeinen Volksschule nach den Grundsätzen neuer Erziehung“. Dieser Bericht – unter der Kurzüberschrift „Der kleine Jena-Plan“ bekannt, wurde das wohl meistgedruckte Dokument der deutschen Reformpädagogik. Zwischen 1927 und 1961 erschienen in Deutschland 31 Auflagen.