Von Roger de Weck

Paris, im Februar

Mahfoud Abdelbaki wurde am 22. Februar 1957 in Algier verhaftet: „Ich wurde von Leutnant Le Pen verhört. Sie haben mich ausgezogen. Da war ein sehr großer Tisch. Sie haben mir die Handgelenke und die Beine zusammengeschnürt und mir mein Unterhemd ausgezogen. Ich erinnere mich, sie haben es naß gemacht und mir auf die Augen gelegt, und dann ließen sie die Dynamomaschine laufen. Der Leutnant fing wieder an: ‚Wo sind deine Freunde?‘ Ich sagte: ‚Ich bin kein Terrorist.‘ Während sie mir Stromstöße versetzten, schlug mich ein Militär mit einer Metallbürste“, erzählt der damals 23jährige Mahfoud Abdelbaki heute der Zeitung Libération. Er fährt fort:

„Ich wurde, so glaube ich, seit zehn oder zwölf Tagen gefoltert, da hat uns Leutnant Le Pen alle aus der Baracke heraustreten lassen. Er hat gesagt: ‚Ihr werdet eine Hinrichtung sehen.‘ Es war nachts. Es war wohl zehn Uhr. Wir mußten aufstehen, und dann haben sie Moussa gebracht. Er mußte niederknien. Er war zuvor verhört worden, er war da ganz rot, voller Blut auf der Brust, auf dem Gesicht. Er (Le Pen) hat gesagt: ‚Moussa, du hast Bomben geworfen. Du hast dich wie eine Fotze benommen, Du hast deine Kameraden bedroht, welche die Folter nicht ertrugen...‘ Le Pen lief hin und her vor Moussa, der auf den Knien lag. Er hat seinen Revolver aus dem Futteral gezogen, an die Schläfe von Moussa gelegt und geschossen. Moussa ist gefallen, und Le Pen hat geschrien: ‚Alle wieder reintreten, los, reintreten, es ist vorbei.“

Jean-Marie Le Pen, Leutnant im Algerien-Krieg, ist heute der Chef einer rechtsradikalen Partei, der „Nationalen Front“. Über zwei Millionen Franzosen haben ihm bei der Europa-Wahl im vorigen Juni ihre Stimme gegeben. Um ein Haar hätte er mit seinen triumphalen elf Prozent die Kommunisten übertrumpft. In Paris wählten gut 15 Prozent Le Pen, in Lyon 17 Prozent und in Marseille fast 21,5 Prozent. Wer interessierte sich da nicht für seine dunkle Vergangenheit ebenso wie für seine leuchtende politische Zukunft?