Von Siegfried Schober

Der Cotton Club war ein legendäres mondänes Etablissement in Harlem, dem drangvollen, explosiven Schwarzen-Getto im Herzen New Yorks, das in jenen wirren Jahren um 1930, als der Cotton Club seine spektakuläre Blüte erlebte, die große Wirtschaftskrise durchzitterte. In ganz Amerika war der Cotton Club berühmt.

Im fernen New Orleans gab es einen Steppke namens Truman Capote, der als Vierjähriger auf einem Mississippi-Musikdampfer von Louis Armstrong väterlich an die Hand genommen worden war und unter dessen Obhut seine Steptanzkünste hatte vorführen dürfen – im Internat dann, aus dem er ausreißen wollte, träumte er von New York und davon, ob ihm Satchmo „wohl im Cotton Club einen Job verschaffen“ würde.

In seinem Film über den Cotton Club erweist Francis Ford Coppola insgeheim dem skurrilen, frühreif ins Showbusineß verschossenen Knaben Capote liebevoll Reverenz. Es geschieht in einer beiläufigen Szene mit einer ehemaligen Broadway-Künstlerin – ihr verfallener weiblicher Glamour, ihre erloschene Boheme-Aura, die abgelebte, verstaubte, dämmrige Samt-Atmosphäre erinnern an die typischen Capote-Musen –; diese Künstlerin bringt einem stillen, selbstversunkenen Knaben in ihrer kleinbürgerlichen New Yorker Wohnung die ersten Showtanzschritte bei. Der Junge bewegt sich wie im Traum. Der Traum hätte für Truman Capote, der statt Steptänzer ein berühmter Schriftsteller wurde, niemals wahr werden können, denn Weiße traten im Cotton Club nicht auf. Die Gegend im tiefsten Harlem, Ecke 142. Straße und Lenox Avenue, wo sich der Cotton Club im ersten Stock über einem Vaudeville-Theater befand, galt als schwarzes Gegenstück zum Broadway in Manhattan, der unter Showleuten „The Great White Way“ hieß und auf dem viele ehrgeizige schwarze Entertainer auch eines Tages Karriere zu machen hofften. Wer höher hinaus wollte im Cotton Club – heraus aus dem Getto und hinüber in die weiße Broadway-Herrlichkeit –, bedurfte des Wohlwollens von Gangstern und der häufig mit ihnen liierten Impressarios.

Der Cotton Club, dessen Existenz von 1923 bis 1936 symbolhaft für die Jazz- und Swingtime-Ära und die chaotischen Turbulenzen der Großen Depression steht, gehörte weißen Gangstern, die fast ausnahmslos nur Weiße als Gäste hereinließen. Von diesen Gangstern, Alkoholschmugglern, Spielhöllenbesitzern, und von den luxuriösen schmissigen Shows, die sie in ihrem Club, ihrem schillernden Juwel, über die Bühne fetzen ließen, erzählt Coppolas Film.

Kunstvoll nostalgieversessen empfindet er den rauschhaften, hyperperfekten Stil der Filmmusicals jener Jahre nach, wo Hollywood mit Big-Band-Sound und bombastischen choreographischen Höchstleistungen dem Publikum die Sorgen aus dem Kopf fegte. Und wenn gerade im heutigen Amerika für diesen „Cotton Club“-Film mehr als 50 Millionen Dollar verpulvert werden konnten, beweist das auch, daß Hollywood eine Kunst besonders gut beherrscht: den Kopf in den Sand zu stecken.

Coppolas betörend inszeniertes Unterhaltungs-Kunstwerk ist wie aus der Retorte, nahezu keimfrei. Wie ein makellos geschliffener Diamant, kalt funkelnd. Ein Lichter-, Farben- und Bewegungsspiel für die Netzhaut nur, weiter dringt es nicht. Ein kühler, gleichmütig lassender Genuß.