Europäische Gemeinschaft: Die süße Last
Der Zuckerverbrauch in den Industrieländern stagniert, doch die Produktion steigt weiter
Von Rudolf Wagner
Die Herren vom Sugar Quay in Londons Lower Thames Street gerieten ins Schwärmen: „Rekordprofite“ hätten sie gemacht, weil ihre Zuckerfabrik Tate & Lyle 1984 vor Steuern gleich 21 Prozent mehr verdient habe. Und der Vorstandsvorsitzende Sir Robert Haslam schrieb in einer Zeitschriftenanzeige, „wir blicken mit Optimismus und Enthusiasmus in die Zukunft“.
Drei Monate zuvor hatten seine deutschen Kollegen im Verlauf der Feierstunde „Zweihundert Jahre Zuckerrübe“ gleichermaßen jubiliert. Der Vorsitzende des Vereins der Zuckerindustrie, Jaspar von Maltzan, kleidete seine Freude jedoch in das Alltagsgewand der EG-Bürokratensprache.
Die deutsche Zuckerindustrie beweise ihre Leistungsfähigkeit, sagte er, habe allerdings das Glück, in eine Marktordnung eingebettet zu sein, in der es feste Einkaufspreise für den Rohstoff, garantierte Mindesterlöse beim Fertigprodukt, ein gemildertes Exportrisiko und Verarbeitungsspannen gebe, die von Jahr zu Jahr korrigiert würden, „in der Regel nach oben“.
Dieses süße Leben hat seinen Preis: Weltweit wird zuviel Zucker produziert, vierzig Prozent mehr als verbraucht wird. An der Pariser Warenbörse wird in diesen Tagen Weißzucker für rund 46 Mark pro hundert Kilogramm verschleudert; der EG-Interventionspreis, also der Mindestpreis, für diese Menge beträgt jedoch stolze 130 Mark. Fazit für 80 000 Rübenbauern und zehntausend Beschäftigte in der deutschen Zuckerindustrie, die Ende vergangenen Jahres 2,9 Millionen Tonnen Rübenzucker produzierten: Hätte die Bundesrepublik 1984 ihren Zuckerbedarf auf dem Weltmarkt gedeckt und die eigene Erzeugung eingestellt, hätten Rübenbauern und die Beschäftigten in der Zuckerindustrie ihre Hände in den Schoß legen und dennoch pro Kopf eine Pension von monatlich 2235 Mark beziehen können, wenn die Verbraucher die gleichen Preise gezahlt hätten.
Sie zahlen nämlich die Zeche für eine Marktordnung, die nur deswegen so lautlos funktioniert, weil sie an der Kasse der Europäischen Gemeinschaft vorbei finanziert wird. Die komplizierte EG-Zuckermarktordnung besteht aus einer Produktions- und einer Lagerkostenabgabe, die beide von den Zuckerherstellern zu tragen sind und von diesen auf die Verbraucher abgewälzt werden. Die erste Abgabe sichert das Ausfuhrrisiko für Überschüsse bei fallenden Weltmarktpreisen ab. Die zweite Abgabe garantiert ein möglichst gleichbleibendes Preisniveau, obwohl Ernte und Herstellung der süßen Kristalle auf drei Monate im Jahr, begrenzt sind.
Bei anderen Gemeinschaftserzeugnissen, wie Butter, Getreide oder Wein, stören die immer neuen Horrormeldungen von wachsenden Bergen und Seen, deren Abtragen oder Austrocknen politische Kraft und Milliarden kostet. Die EG-Zuckermarktordnung ist keineswegs besser. Die EG-Bürger müssen für ihren Zucker 1984/85 rund 3,2 Milliarden Mark ausgeben. Von dieser Summe wird allerdings in Brüssel nur eine Milliarde aktenkundig. Es geht um jenes Subventionsgeld, mit dem der Zucker aus vierzehn Entwicklungsländern, den die Gemeinschaft zu EG-Preisen erwirbt, gleich wieder aus der EG abschiebt.



