ARD, Donnerstag, 21. Februar: „Schlag auf Schlag“, Claus Hinrich Casdorff im Gespräch mit Dr. Herbert Czaja, und: ARD, Sonntag, 24. Februar: „Mit dem Rücken zur Wand – Heinrich Brüning und das Ende von Weimar.“ Dokumentation von Jürgen Martin Möller.

Zwei Sendungen, von denen man neue Einsichten erhoffte über Gegenwart und Vergangenheit deutscher Geschichte. Beide Sendungen enttäuschten. Die eine, weil sie vollgepackt und daher hastig war. Die andere, weil sie die Ergebnisse der neueren Geschichtsforschung einfach ignorierte, den wichtigsten Zeitzeugen auch.

Frisch noch in Erinnerung der Streit um das Motto des Schlesiertreffens – in zweiter Fassung noch unverfrorener als in der ersten, dazu der schrill-revanchistische Artikel im „Schlesier“ –, da war man gespannt. Herbert Czaja sagte, unwidersprochen, das Motto des Schlesiertreffens sei abgehakt. So? Ist es das? Herbert Czaja sagte, unwidersprochen, den Polen täten – bei all ihren Querelen mit der Gewerkschaft – westliche Gewerkschaftler gut. Auch Wirtschaftler. Kaufleute. Technologen. „Nicht als Kolonialfunktionäre“, aber doch in eigner „Begegnung vor Ort“. So? Täte ihnen das gut? Am westlichen Wesen soll der Osten genesen? Gern hätte man mehr darüber erfahren. Aber Peter Glotz, Czajas Wunschpartner in dieser Sendung, setzte nicht nach. Konnte es auch nicht. Denn schon bevor er anfing, wurden ihm zwölf, dreizehn (!) Minuten zugeteilt. Schließlich hatten Claus Hinrich Casdorff und dazu noch der österreichische Journalist Werner Perler einen vorbereiteten Fragenkatalog. Auf Gong und Uhr fixiert ging’s Schlag auf Schlag. Jammerschade. Für nichts und niemanden blieb genügend Zeit. So unterblieb denn auch die zentrale Frage: Gesetzt den Fall, es käme zu dem von Czaja geforderten Friedensvertrag und den Grenzen von 1937, was dann mit den dort lebenden Polen? chen Vorstellungen, oder wieder Vertreibung?

Stand Heinrich Brüning wirklich „mit dem Rücken zur Wand“? Schon der Titel ließ die Wiederaufbereitung des alten Brüning-Mythos („verhinderter Retter der Republik“) ahnen. So war’s denn auch. In Wahrheit aber, so der Stand der Geschichtsforschung seit nunmehr fünfzehn Jahren, gehörte er neben Papen und Schleicher „zu den Zerstörern der Weimarer Republik“ (Karl Otmar von Aretin). Er fehlte in der von Axel Eggebrecht aufgelisteten Reihe der Konservativen, die diesen Staat so im Grunde gar nicht wollten.

Brüning war Monarchist. Und gegen den Parlamentarismus in dem Sinne, daß der Reichstag die entscheidende Instanz war. Sein innenpolitisches Ziel war die Umwandlung der parlamentarischen Demokratie in eine autoritäre Monarchie unter der Regentschaft Hindenburgs oder, besser noch, einem der Söhne des Kronprinzen. Karl Dietrich Bracher korrigiert deshalb den „Retter der Republik“ und nennt ihn ihren „ersten Liquidator“. Nichts gegen Zeitzeugen, meinetwegen auch nichts gegen das Strickmuster „eins rechts, eins links“ (gerade – Eggebrecht, dazwischen die Instanz Theodor Eschenburg), Aber der Autor hätte auch den Zeugen zitieren müssen, der den Brüning-Mythos am gründlichsten zerstört hat. Nämlich Brüning selbst: „In der eine dreiviertel Stunde währenden Besprechung ergab es sich, daß der Reichspräsident sich eine Monarchie beziehungsweise ihre Wiederherstellung nur denken konnte unter Zurückberufung Wilhelms II. ... Ich sagte dem Reichspräsidenten ..., ich stelle mir die Entwicklung so vor, daß der Reichspräsident nach Abschluß außenpolitischer Verhandlungen und nachdem ich vorher dafür die Unterstützung einer Zweidrittelmehrheit im Reichstag gefunden hatte, seine Präsidentschaft in eine Regentschaft für einen der Söhne des Kronprinzen umwandle...“„Später fand dann die Unterhaltung mit dem Kronprinzen statt ... Ich legte dem Kronprinzen meine letzten Ziele dar, vor allem, was die Restaurierung der Monarchie betraf...“ Aus Brüning, Memoiren, 1918-1934. Seit dem Erscheinungsjahr 1970 (!) ist, was dieses Kapitel anbelangt, Geschichte tatsächlich einmal neu geschrieben worden.

Zur Machart des Films: Brüning hatte ein Eisernes Kreuz. Und er trug es mit Stolz. Stimmt es dann, wenn sein Frontsoldatentum mit Szenen aus dem Ann Kriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ illustriert wird? Erich Maria Remarque würde sich vermutlich im Grabe umdrehen. Und nicht nur der. Brüning erst recht. Lea Rosh

Lea Roth; Im Hauptberuf selber Fernsehjournalistin, Moderatorin in der Bremer Talk-Show „III nach Neun“. Ihr Hauptthema, auch für Hörfunk und Zeitungen, ist die nicht aufgearbeitete NS-Zeit. Zur Zeit Recherchen für eine Fernseh-Dokumentation über die Ermordung der Zigeuner und die ihnen verweigerte Entschädigung für ihre KZ-Haft.