In einer so verquasten wie altbackenen Kritik aus den fünfziger Jahren heißt es über das „gestaltete“ Sachbuch, es müsse den objektiven Gehalt zu einem Stück „jugendgemäßer Weltbemächtigung“ machen. In einigen Sachbüchern der sechziger und siebziger Jahre finden sich Reste dieser hölzernen und verschwafelten Kindertümelei. Der Zwang, jede Sachinformation in „Unterhaltung“ zu pressen, machte viele Texte artifiziell und unglaubwürdig. In den achtziger Jahren hat man von diesem mißglückten Typus Abschied genommen und sich auf die prägnanten Texte und die gestochen schöne Illustration der Erzväter des Sachbuchs, wie etwa Bertuch, besonnen. Der Faszination eines interessanten Themas vertrauend, konzentrieren sich Autoren heute vorwiegend auf gute Optik und informative Texte ohne narrativen Ballast und gekünstelte Dramaturgien.

Kundig und ohne pädagogische Schnörkeleien berichtet Elvig Hansen aus dem Leben der Erdkröten, die zur Tierklasse der Lurche gehören und wegen ihrer warzigen Haut, die Giftstoffe absondern kann, dem plumpen Äußeren, der nächtlichen Aktivität seit alters her abergläubischen Menschen unheimlich waren. Hexenwahn und dunkle Zauberrituale brachten dem harmlos nützlichen Geschöpf den finsteren Ruf eines Ekeltieres.

Nur in wenigen Märchen ist etwas vom guten Zauber jener rührenden Wesen mit den goldenen Augen geblieben: in Grimms Märlein von der Unke, die zum Dank dafür, daß sie aus dem Milchtellerchen des Kindes schlecken darf, allerlei kostbare heimliche Schätze bringt. Zum Schluß aber wird sie von der dummen, unwissenden Mutter erschlagen, und das Kind siecht nach diesem Totschlag hin und stirbt. In wenigen schönen Worten, der Herzenseinfalt des Märchens, wird da der Zusammenhang zwischen Tier und Mensch erfaßt.

Der Autor, einer der bekanntesten dänischen Photographen, redet nicht von den Itschen mit den goldenen Krönchen, er berichtet von der Vielfalt der Art und beschreibt mit hervorragenden Photos und einem Text, der sympathisch Sachkenntnis mit deutlicher Zuneigung für die Bufonidae verbindet, aus dem Krötenleben: von der Paarung über die Kaulquappenphase bis zur ersten Woche der Jungkröte.

Perfekte Photos zeigen den acht Millimeter kleinen Winzling, nicht viel größer als ein Marienkäfer, dann die bereits jagderfahrene Jungkröte im Erdbeerbeet, die auf Schnecken lauert und schließlich die sommermüde Unke im Herbst, die sich ihr Bodenquartier buddelt, um zu überwintern.

Kröten können bis zu zehn oder zwanzig Jahre alt werden. Sie könnten. Das Massensterben der Kröten und Frösche auf ihrem Zug zu den Laichplätzen bereitet Tausenden und Abertausenden einen gewaltsamen Tod. Hansen läßt dies ebensowenig aus wie die Tatsache, daß Kröten durch Pestizide und andere Gifte kaum unverdorbene Nahrung mehr finden können. Ein Sachbuch also, daß keine Scheinidylle entwirft, sondern Realität beschreibt. An diesem ausgezeichneten Buch vermißt der kritische Leser nur eines: eine ausführlichere Beschreibung, was gegen das Massensterben der Kröten und Frösche konkret getan werden kann. Initiativen, Adressen, Anregungen dazu gibt es mehr als genug. Sie gehörten in den Anhang dieses Buches.

Elvig Hansen: „Aus dem Leben der Erdkröten“; Kinderbuchverlag Luzern; 40 S., 19,80 DM Ute Blaich