Von Günter C. Vieten

Wenn Gert Heinemann den Kühlschrank im Nebenraum seines Büros am Noordsingel 199b in Rotterdam öffnet, schaut ihn von einem Kistchen ein Totenkopf an: „Poison“, Gift! Die versiegelte Literflasche enthält ungefähr den fünfzigmillionsten Teil jener Flüssigkeitsmenge, die sein Schiff jährlich auf der Nordsee verbrennt. Bei diesem Prozeß werden gefährliche Verbindungen der organischen Chemie bei hohen Temperaturen zerstört. „Das ist was anderes als Verklappen; da geht nicht einfach was ins Meer!“

Heinemanns OCS, die Firma Ocean Combustion Service, schürt die heißesten Öfen auf der Nordsee. Davon stehen drei auf dem Achterschiff der „Vulcanus II“, die alle drei Wochen Pier 501/502 im Hafen von Antwerpen verläßt und einen auf den Seekarten vorgezeichneten Zirkel ansteuert. Dort darf der Dampfer die Ladung seiner acht Stahltanks bei mindestens 1200 Grad Celsius verbrennen. An seinem Heck flattert die Fahne Liberias.

Die Fracht besteht aus chlorierten Kohlenwasserstoffen in flüssiger Form. Wenn man diese Substanzen unsachgemäß behandelt, können die hypergiftigen Dioxine oder Furane entstehen. Und doch müssen die CKW-Abfälle beseitigt werden. Es handelt sich um Partien, die sich nicht wiederverwenden lassen: Lagerbehälter werden von solchen Stoffen auf die Dauer zerfressen; verbrennt man sie an Land, wird die Sache zu teuer und ökologisch nicht besser.

Die Feuerschlünde des Schiffes sind fünf Meter weit und so hoch wie ein zweistöckiges Haus. In ihrem Inneren rotieren Diffusoren mit sechstausend Umdrehungen in der Minute. Sie blasen den Giftmüll als Teilchennebel in die mit Öl vorgeheizten Brennkammern. Bei der dort herrschenden Hitze entflammen die Substanzen und verbrennen zu 99,99 Prozent. Sinkt die Temperatur unter eine kritische Grenze, schließen Ventile automatisch den Zufluß der Chemikalien.

Die OCS verheizt auf der „Vulcanus II“ mehr als dreitausend Tonnen pro Reise. Wenn das Schiff sich seinem Operationsgebiet nähert, beginnen die Öfen zu glühen. In jedem Schlund verbrennen danach zehn Tonnen Chemieabfall in der Stunde. Nach vier Tagen sind die Transporttanks entleert; weit hinterm Heck verweht das letzte Kondensationswölkchen; das Schiff geht auf Südkurs, zurück nach Antwerpen. Dort landen Tankzüge, Kesselwagen und Leichter die giftige Flüssigkeiten der Kunden von Norwegen bis Italien an.

„Es gibt keine Verbrennungsanlagen mit einem höheren Wirkungsgrad,“ urteilt Hans Gielen, Leiter der Abteilung „Chemoanalysen“ bei TNO, Hollands Technisch-Physikalischen Versuchsanstalten in Delft. Im Vergleich dazu sei jede Hausmüllentsorgung primitiv. „Würde man da die gleichen Normen wie bei der ‚Vulcanus‘ anlegen, müßten die meisten Betriebe stillgelegt werden. Im Staat New York ist es inzwischen so weit.“ Die wichtigsten Unterschiede: