Von Anna v. Münchhausen

Küßchen, Küßchen: König Karl ist da! Und tout Düsseldorf, oder doch jedermann, der sich der Mode verpflichtet fühlt, ist enchanté. Der Mann nimmt das gelassen hin; er kennt es, so erlebt er es immer wieder, nur der Schauplatz wechselt: Rom, New York, Monte Carlo. „Ich bin so aufgeregt“, gesteht die Dame mit blausilbernen Löckchen und ebensolcher Jacke, Sekunden bevor sie König Karl vorgestellt wird. Dazu besteht kein Grund; er ist, küß die Hand, die Freundlichkeit in Person.

Und auf den ersten Blick sieht er noch nicht einmal aus wie einer, der berufsmäßig derniers cris am laufenden Meter produziert: Flanellhose anthrazit, Blazer blau, Krawatte gelb-roter Streifen auf solide dunkelgrünem Grund; dort hat, eine goldene Eule mit Rubinaugen Platz genommen; nein, kein modischer Duft, kein Promenadenhündchen kläffend an seiner Seite. In Hamburg käme der Mann ohne weiteres in den Ubersee-Club, ohne seinen Ausweis zeigen zu müssen. Und hier in Düsseldorf wirken einige der canariagebräunten Jung-Dynamiker eindeutig modischer als der, zu dessen Ehre sie sich eingefunden haben.

Aber was macht das: Küßchen, Karl. Immer wieder hebt einer aus der Menge sein Glas Moët & Chandon, faucht gedämpft: „Auf Ihr Wohl!“ Karl Lagerfeld hat Erfolg, und damit ist er als Deutscher in der Pariser Modewelt weit und breit der einzige. „Was heißt Erfolg, Erfolg? Ich persönlich“, sagt Karl Lagerfeld, „erlebe die ganze Geschichte, als wenn ich nie Erfolg gehabt hätte und das alles noch zu machen wäre.“

Es ist aber nicht mehr zu machen – der Erfolg ist ihm, ganz im Gegenteil, in geradezu unheimlicher Weise treu. Immer wieder sucht er nach neuen Herausforderungen („Wechsel, das einzige Mittel, gegen die Routine zu kämpfen“), nach neuen Tests, denn er haßt das Gleichmaß und das Einerlei.

Dann verläßt er – Aufschrei! – nach zwanzig Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit („... was beweist, daß ich sehr geduldig bin ...“) das Konfektionshaus Chloé (das seinen Namen ihm verdankt und nach der Trennung denn auch gleich in die Bedeutungslosigkeit zurückgefallen ist). Dann probiert er, ob er auch in den USA seinen Stil beibehalten und Abnehmer dafür finden kann. Dann zeichnet er, lange bevor Art déco hoffnungslos in ist, einen Glasflacon mit stilisierter Calla und füllt ihn mit einem Duft, der allen die Sinne raubt. Dann macht seine Entwerferei vor nichts halt: Brillengestelle, Unterwäsche, Porzellan ... Aber was es auch sei, unweigerlich wird wieder ein Erfolg daraus, und alle, die zunächst geunkt haben, stimmen schließlich doch in den Jubel mit ein. Fast tragisch ist das. Denn der Mißerfolg, sagt Karl Lagerfeld, „so etwas ist ja wichtig, nicht, für die Entwicklung“, für den Kitzel und die Selbstprüfung. Irgendwie klingt diese Erkenntnis aus seinem Mund allerdings hoffnungslos theoretisch.

Längst ist er routiniert im Umgang mit den Medien, die sich an seinem Erfolg einfach nicht sattsehen können; die immer gleichen Fragen beantwortet er mit einer professionellen Offenheit, ohne sich doch jemals wirklich preiszugeben – freilich auch, ohne jemals in die aufgestellten Fallen zu tappen. Bereitwillig gibt er Auskunft, ohne sich zu verraten, fächert jede Menge Anekdoten aus seiner Biographie auf, Beweisstücke für eine der vielen Rollen, die die Welt vom großen KL kennt: der sensible Stylist, der einsame Erfolgsverwöhnte, eine Art August Weltumsegler, Partygast der posh people, der ungenierte Intrigant ...