An den Devisenmärkten war zu Beginn dieser Woche der Teufel los. Wenn der Dollar an einem einzigen Tag um mehr als fünf Pfennig teurer wird, läßt sich das nur noch mit Emotionen erklären. Sie haben vorübergehend die Herrschaft am Markt übernommen. Mit Veränderungen im Außenhandel haben solche Kurssprünge nichts zu tun. Schon seit langem richten sich die Kurse stärker nach den zehnmal höheren Kapitalströmen, die rund um den Erdball zum Dollar wandern. Den jüngsten Schub solcher Kapitalbewegungen haben Präsident Ronald Reagan und sein Notenbankchef Paul A. Volcker ausgelöst.

Reagan hat allen Optimisten die Hoffnung genommen, die Amerikaner würden sich gemeinsam mit anderen Ländern an Maßnahmen beteiligen, die den Dollarkurs – wenn auch nur vorübergehend – drücken könnten. Für ihn ist der hohe Dollarkurs Ausdruck der Stärke Amerikas, die schwachen Währungen sind Ausdruck der wirtschaftlichen Schwäche Europas. Er empfiehlt den Europäern, ihre Volkswirtschaften ebenso in Schwung zu bringen, wie er es in Amerika getan hat. Dann würde sich das Verhältnis ihrer Währungen zum Dollar auf natürliche Weise verbessern.

Volcker hat eine weitere Steigerung der amerikanischen Zinsen vorhergesagt, falls die Regierung nichts tut, um das Haushaltsdefizit drastisch zu beschneiden. Daraus haben insbesondere europäische Banken und Unternehmen, die in die Vereinigten Staaten exportieren und dicke Dollarerlöse einstreichen, geschlossen, daß es nichts schaden könne, weiterhin Dollar zu kaufen beziehungsweise im Export verdiente Dollar nicht umzutauschen. Sie tun es, weil die Zinserträge in den USA um drei bis vier Prozent höher sind als zu Hause. Obendrein winken stattliche Kursgewinne, wenn der Dollarkurs – wie sie vermuten – weiter steigt.

Was geschieht aber, wenn er einmal fallen sollte, wenn das heiße Geld in Bewegung gerät? Das ist die bange, aber entscheidende Frage. Käme es zu einem plötzlichen Kurssturz, gerieten manche Banken und Unternehmen, deren Dollaranlagen dann viel weniger wert wären, in Schwierigkeiten. Der Gedanke daran treibt heute den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft den Angstschweiß auf die Stirn. Manche von ihnen wollen nicht mehr tatenlos warten, bis der überstarke Dollar seine zerstörerische Kraft voll entfaltet hat.

Wilfried Guth, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank: „Allen wäre vermutlich wohler, wenn der Dollar sich allmählich wieder auf 2,70 bis 2,80 Mark hin entwickeln würde.“ Er weiß, daß das ein frommer Wunsch ist. Die Kurssprünge nach oben werden immer größer. Die deutsche Exportwirtschaft zieht großen Nutzen aus dieser Kursentwicklung.

Die Schattenseite: Auf flüchtigen kursbedingten Preisvorteilen kann die deutsche Industrie keine langfristige Strategie aufbauen. Sie hat das schon einmal erlebt. In den sechziger Jahren, als es noch feste Wechselkurse gab, hat das zu lange Festhalten am überbewerteten Dollar zu Fehlentwicklungen geführt. In Europa kam es zu einem Exportrausch. Fabriken wurden an Standorten errichtet, die sich nach der Abwertung des Dollars Anfang der siebziger Jahre als zu teuer erwiesen. Die damalige Überbeschäftigung in Europa war ungesund. Die späteren Korrekturen waren schmerzlich.