Provinzzeitungen in der DDR: Ein Blick hinter die Einheits-Kulisse

Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im Februar

Das Neue Deutschland (ND) gibt den Ton an. Zum Jahresbeginn pfiff das SED-Zentralblatt zum „Planstart 1985“. Seitdem segelt die DDR frohgemut „mit neuen Initiativen dem XI. Parteitag (der 1986 stattfinden wird) entgegen“. Jede Zeitung verkündet täglich neue ehrgeizige Arbeitsvorhaben – das ND aus Leuna und Eisenhüttenstadt, den großen Kombinaten des Landes, die Berliner Zeitung vom VEB Kali-Chemie aus Ost-Berlin, die Junge Welt von einer FDJ-Initiative bei Baureparaturen aus dem Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg: Danach sollen „pro Mann und Monat elf Kubikmeter Schornsteine“ gemauert, die „Arbeitsproduktivität um zehn Prozent“ erhöht werden.

Wer wissen will, was die SED will, muß das Neue Deutschland lesen. Das gilt für den kleinen SED-Parteisekretär ebenso wie für die Westdeutschen. Sie müssen sich üben, die Plazierung bestimmten Meldungen zu deuten, seitenlange Reden hochgestellter Genossen zu überfliegen und dabei den einen entscheidenden Satz zu finden, der womöglich die Wende bisheriger Politik signalisiert. Die anderen Zeitungen plappern nur nach, was ihnen das ND vorbetet.

Immerhin – es existiert eine Menge anderer Zeitungen. Und die werden gelesen. In meinem Ost-Berliner Briefkasten stecken täglich vier abonnierte Zeitungen: neben dem ND die Berliner Zeitung, BZ am Abend, Junge Welt. Die Berliner Zeitung lese ich wegen lokaler Nachrichten und wegen der Anzeigen, BZ am Abend ist eine Boulevardzeitung sozialistischer Machart, weit entfernt von der BILD-Zeitung, immerhin mit dem Ohr etwas näher am Mann auf der Straße als andere. Da ist zu lesen, wo in Ost-Berlin Ski und Rodel auszuleihen sind; Normal-Berliner sind im Photo zu besichtigen, die dem Leser erzählen, worüber sie sich 1984 gefreut oder geärgert haben. Die Junge Welt ist die Zeitung der FDJ, der DDR-Jugendorganisation. Sie stellt nicht nur besonders tüchtige Lehrlinge vor, FDJler, die ihren Jugendklub in Schuß halten und solche, die in Äthiopien geholfen haben; da wird auch Mode für die Jugendweihe gezeigt, unter der Anzeigenrubrik „Briefwechsel“ suchen junge Leute Kontakte zum anderen Geschlecht, unter „Tauschecke“ ist zu lesen: Biete Fußballaufnäher, suche: gleiches.

Schwierige Verteilung