Raymond Chandler – Eine Biographie“, von Frank MacShane. „Die meisten Menschen passen sich den Situationen an, in die das Leben sie hineinzwingt. Ich bin zufällig der ewige Rebell. Jedenfalls: so unmöglich ich auch sein kann – meine Seele gehört mir, und ich halte sie sauber.“ Dies ist nur eins von vielen markanten Briefzitaten Raymond Chandlers, auf deren Basis MacShane das Ziel verfolgt, den besten Kriminalschriftsteller (und einen der wichtigsten Romanciers) des Jahrhunderts sein Leben in der Hauptsache selbst erzählen zu lassen. Doch der Autor hat weit mehr geleistet. In detailbesessener Forschungsarbeit, die sich aller verfügbarer Informationsquellen bedient, rekonstruiert er die Geschichte Chandlers, wie sie vollständiger und lückenloser nicht rekonstruiert werden kann: ein erfolgreicherer Detektiv in Sachen Raymond Chandler als dieser Biograph ist kaum vorstellbar. Lebenslaufbeschreibung, Werkbetrachtung und vor allem Persönlichkeitsstudie fallen gleichermaßen überzeugend aus. Chandler steht dem Leser vor Augen als der, der er war: ein kluger und witziger, so couragierter wie labiler Mann von kompromißloser moralischer Integrität, der sein wenig glückliches Dasein vorwiegend damit verbrachte, „die seltsame korrupte Welt“ literarisch zu bewältigen. (Aus dem Amerikanischen von Christa Hotz, Alfred Probst und Wulf Teichmann; detebe 20960, Diogenes Verlag, Zürich, 1984; 480 S., 19,80 DM.)

Thomas Degering