Nürnberg: „Moderne Malerei aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza“

Wenn ein Privatmann in gut zwei Jahrzehnten so an die achthundert Gemälde aus der Zeit vom Impressionismus bis heute erwirbt, dann sammelt er gewissermaßen an Hand einer Strichliste und mit dem Ziel, ein Museum der modernen Malerei einzurichten. Hans Heinrich Baron Thyssen-Bornemisza sammle aus Vergnügen, jedoch nicht aus Vergnügen am privaten Genießen, schreibt Anthony Burgess über den Sammler, er habe im Gegenteil den „dringenden Wunsch, seine Erwerbungen mit uns allen zu teilen“. Vorläufig gehen immer nur Teile der Sammlung auf Wanderschaft, eines Tages aber wird sie insgesamt öffentlich zu besichtigen sein – wie die glanzvolle Kollektion alter Meister, die sein Vater zusammengetragen und die er selbst noch um einige Spitzenstücke vermehrt hat. Der private Louvre am Luganer See, in Castagnola, ist offensichtlich das Modell, das der Sammler vor Augen hat, und das betrifft nicht nur die öffentliche Dimension privaten Kunstbesitzes, sondern auch den enzyklopädischen Anspruch, der hinter der Vielzahl seiner Erwerbungen steckt. Was im Bereich der alten Kunst nicht möglich war, Vollständigkeit nämlich, ist bei neuerer Kunst durchaus zu erreichen. Die Ausstellung, die etwas über einhundert Gemälde umfaßt, gibt eine ungefähre Vorstellung von der panoramatischen Breite der Sammlung, kann aber, Auswahl nur aus einem weitaus größeren Bestand, den eigentlichen Standpunkt des Sammlers nicht recht sichtbar machen. In der Totale entstünde höchstwahrscheinlich das Bild eines dichten Gewebes, beim Ausschnitt passen Fäden gelegentlich nicht zusammen. Es fällt auf, daß wirkliche Spitzenwerke selten sind, ein Mangel, der sehr wohl ein Vorteil sein könnte – die Sammlung bewegt sich auf einem mittleren (und das heißt nicht: mittelmäßigen) Niveau, das Extreme in beiden Richtungen vermeidet und so überraschende Nachbarschaften ermöglicht. Wenn der Lehrer, Edouard Manet, einmal nicht allzu sehr brilliert, dann kann auch die Schülerin, Berthe Morisot, ihre Fähigkeiten zeigen, und wenn die Erfinder des Kubismus, Braque und Picasso, ihr Verfahren etwas trocken demonstrieren, dann erkennt man, wie Mondrian es als Sprungbrett zur Abstraktion benutzt hat... Die Abteilungen Konstruktivismus und Neue Sachlichkeit führen vor, daß der Baron das Gelände sorgfältig sondiert, gleiches trifft auch auf die frühe amerikanische Moderne zu, die in Nürnberg allerdings nur fragmentarisch präsent ist (gerade hier auszusortieren, war kein glücklicher Einfall und ebenso wenig, die Kunst nach 1945 an Arbeiten der englischen figurativen Malerei zu exemplifizieren). Alles in allem, ein gediegenes, nicht gerade sensationelles Ensemble von Bildern, das aber Appetit macht auf die Sammlung als Ganzes. (Germanisches Nationalmuseum bis zum 24. März, vom 20. April bis 16. Juni in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf, Katalog 38 Mark) Helmut Schneider

Düsseldorf: „Anthony Caro“

Merkwürdiger Eindruck beim ersten Rundgang durch diese Skulpturen-Ausstellung: Was man sieht, kontrastiert mit dem, was man schon weiß. Einige der Plastiken von Anthony Caro wirken, zumal aus der Entfernung, so leicht und sogar fragil, als seien sie aus Sperrholz. Das Anfassen gehört unbedingt zur Rezeption, haptisches Sich-Vergewissern des Materials (Eisen) und des Gewichtes. Caro, dessen sechzigster Geburtstag endlich der Anlaß zur ersten umfassenden Präsentation seiner Arbeit in der Bundesrepublik ist, arbeitet mit dem Schweißbrenner und den sperrigen Fundstücken aus der Eisenhütte, als hantiere er mit Klebstoff und Pappe, manchmal wie mit dem Zeichenstift. Der terminus technicus der Collage wird zu Recht auf seine Plastiken angewendet, seine Arbeitsweise entspricht vielmehr derjenigen des Malers als der des Bildhauers. Es fällt schwer, beispielsweise exakte Beziehungen zwischen Raum und Volumen zu bestimmen. Kaum eine Skulptur schließt sich, aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, zu einem einheitlichen Körper zusammen. Statt dessen dominiert ein graphischer Gestus, der noch die tonnenschwere Materialzusammenballung als offen und leicht erscheinen läßt. Die Elemente sind erkennbar Fundstücke des Eisen verarbeitenden Gewerbes. Halbfertigteile wie Pflugscharen meint man zu erkennen, auch Rundstäbe, Rohre, T-Träger oder Bodenplatten. In der Zusammenstellung läßt sich Caro von einem offenbar nie versagenden Formgefühl leiten. Die schönsten Ergebnisse erzielt er in den kleinen „Table Pieces“ genannten Skulpturen, die fast vegetativ über den Sockeltisch herabhängen. Meist schwarz gestrichen, werden die Eisenelemente gänzlich zu graphischen Zeichen. Mit der Farbe geht Caro sehr vorsichtig um. Die meisten Arbeiten aus Stahl werden in ihrer rohen Materialität belassen, allenfalls wird die Rostschicht durch einen Firnis konserviert. Dort, wo Farbe verwendet wird, unterstützt sie oft eine Assoziation, die durch den Titel vorgegeben ist. Die große Außenplastik „Sun Feast“ ist in einem strahlenden Gelb bemalt; eine der schönsten Skulpturen der Ausstellung, „Midnight Gap“, wird visuell und konstruktiv von einer grün lackierten, schräg gestellten Stahlplatte zusammengehalten. Diese in Düsseldorf großzügig aufgebaute Ausstellung des Briten macht auf einer Europatournee nur an diesem Ort in der Bundesrepublik halt und läßt den Besucher sich schmerzlich bewußt werden, wie groß der Mangel an Ausstellungen zeitgenössischer Plastik doch ist. (Kunstmuseum Düsseldorf, im Kunstpalast des Ehrenhofes, bis 3. März. Katalog 15 Mark) Hans-Peter Riese

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Im Schatten hoher Bäume. Malerei der Ming- und Qing-Dynastien (1368-1911) aus der Volksrepublik China“ (Staatliche Kunsthalle bis 10. 3., Katalog 25 DM)

Berlin: „Watteau“ (Schloß Charlottenburg bis 26. 5., Katalog 40 DM – siehe Seite 64)