Von Gerhard Spörl

„Was mich noch freuet, ist, daß, ungeachtet der Nachbarschaft von Frankreich, sich hier unter den Bürgern aller Klassen soviel teutsche Gradheit und Biederherzigkeit erhalten haben.“

(Adolf von Knigge)

Saarbrücken, im Februar

Das kollektive Gemüt der Saarländer hat sich über die Jahre nicht auffallend verändert, denn viele Reisende haben so geurteilt wie der Freiherr von Knigge anno 1792. Die Vorstellung, was unverbrüchlich deutsch sei, hat dabei nichts mit zielloser Romantik zu tun. Deutsch sein hieß zwischen Saar und Mosel immer, sich zu fügen in die Widrigkeiten von Geschichte und Geographie, sich zu gewöhnen an die wechselnden Herren aus Frankreich und Preußen, aus der Pfalz oder Bayern. Daraus entstand zwar ein Sonderbewußtsein; aber es neigte schlimmstenfalls zur Animosität gegenüber der jeweiligen Zentrale. Wer heute nach Bonn oder anderswo hinfährt, sagt noch immer, er fahre „ins Reich“.

Dazu gehört auch ein Gleichmut den Verhältnissen gegenüber, der braven Untertanengeist verrät. Im französischen Lothringen, ein paar Kilometer entfernt, brannten voriges Jahr die Barrikaden und wehten die schwarzen Fahnen, weil die Pariser Regierung die Gruben und Stahlwerke dichtmachte. Das Saarland bleibt ruhig, obwohl schon heute jeder siebte Saarländer arbeitslos und das Ende der Eisen- und Stahlzeit unweigerlich gekommen ist. So behäbig, wie man vordem fremde Herren duldete, so geduldig nimmt man heute das Ende einer Industrieepoche hin.

Historische Reminiszenzen liegen nahe, da sich 1985 wichtige Daten saarländischer Geschichte jähren. Genau fünfzig Jahre ist es her, daß die Saar, gemäß dem Versailler Vertrag nach 1918 unter formaler Regentschaft des Völkerbundes, von Hitler „heim ins Reich“ geholt wurde. Genau dreißig Jahre sind vergangen, seit das Land – nach 1945 eine französische Provinz – dafür stimmte, Teil der Bundesrepublik zu werden.