Die Aktionen haben die Menschen verändert

Von Friederike Tinnappel

Brokdorf/Wyhl, im Februar

Wenn der Wind in Wewelsfleth von Westen weht, hört Bürgermeister Sachse neben den vertrauten Lauten von der Werft manchmal eine Frauenstimme, etwas spröde, wie vom Himmel kommend: „Dr. Krämer in den Si-cher-heits-be-reich“, tönt es von der Baustelle in Brokdorf herüber. Geradezu gespenstisch sei das und „eine Schande, wie da jeden Tag Stahl und Beton wächst und einem fast aufs Dach fällt“. Seit vor fast vier Jahren der Bau des Kernkraftwerkes begann, schreibt Ekkehard Sachse, 67 Jahre alt, ehemaliger Schulleiter und beredter Atomstrom-Gegner, Gedichte.

Dem Bauern Albert Reimers fehlt diese Gelassenheit. Die innere Freiheit allein genügt ihm nicht, Gedanken sollen auch Anweisungen zum Handeln sein. Mit dem Kampf gegen das Kernkraftwerk begann für ihn auch die Suche nach neuen Lebensgrundlagen. Kein Stickstoffdünger mehr für die Felder, kein Kraftfutter für die Kühe – hilf dir selbst, dann hilft dir die Natur.

So konsequent „wie der Ali“ sei er nicht, sagt Heinrich Voss. Er bestellt seinen Hof wie eh und je. Voss gehört zu den Gründern der „Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe“ (BUU), die ein zweites Brunsbüttel, eine zweite industriegerechte Geisterstadt in der Wilstermarsch, verhindern sollte. Und als Brokdorf nach den großen Demonstrationen in Vergessenheit geriet, ging Voss zusammen mit Reimers, Sachse und anderen Unentwegten vor Gericht. Erst vor einem Jahr, als ihr Rechtsanwalt die Prozeßkosten als sehr hoch und die Erfolgsaussichten als sehr gering einschätzte, zogen sie die Klagen zurück.

Der Streit ist verloren, die Tatsachen sprechen für sich: Als mächtiger Koloß erhebt sich das KKW Brokdorf über den Deich der Unterelbe. Im Winter ’86/’87 soll Brokdorf ans Netz gehen. Wie wird man damit fertig nach fast zehn Jahren Aufregung und Ablehnung? Wenn Voss und Reimers aus der Haustür treten, haben sie „das Ding direkt vor der Nase“. Reimers sagt impulsiv: „Das ist jeden Tag Terror.“ Voss gibt sich nüchterner: „Entweder man verdrängt das – oder man geht daran kaputt.“ Gelegentlich treffen sie sich noch, die Kämpfer von einst, und sinnieren über die Inbetriebnahme. Ob da nicht doch noch ein Wunder geschehen könnte, damit das Kraftwerk eine Bauruine ohne Brennstäbe bleibe? Die Stimmung ist gedrückt. Nach über zehn Jahren Widerstand sind sie ausgelaugt und mürbe geworden, „ausgebufft“, wie Heinrich Voss sagt. Den Kampf haben sie verloren, aber für sich, ihr Verständnis von Politik, Menschen und Mächten, viel gewonnen.