Der mächtigste Mann der Sowjetunion rang sichtlich nach Luft. Konstantin Tschernjenko, der eben noch wegen Krankheit einen öffentlichen Auftritt abgesagt hatte, gab nun – herausgeputzt und von zahlreichen Händen gestützt – seinen Stimmzettel vor den sowjetischen Fernsehkameras ab. Der makabre Auftritt wurde mit drei Blumensträußen belohnt.

Nachdenkliche sowjetische Beobachter betonen zur Zeit immer wieder, das kommunistische Regime verstände wohl, daß es erst noch lernen müsse, die Nachfolge an der Spitze anders als durch den Tod zu regeln. Westlichen Kritikern entgegnen sie: „Vergeßt nicht, wir sind noch ein junges System. So schnell geht das nicht. Aber wir werden auch das schaffen.“

Für die Reform hat die nun jahrelange Ungewißheit über den Gesundheitszustand der Kreml-Führung genügend Anlaß gegeben. Und vielleicht steht als Motiv hinter dem Herbeikarren des atemlosen Generalsekretärs, der seit zwei Monaten nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen war, auch der Wunsch mancher Kreml-Oberen, nun bald eine Entscheidung zu erzwingen. Aber ganz gleichgültig, ob hier der oberste Kreml-Chef demonstrieren wollte, daß es ihn noch gibt, oder andere, daß es ihn bald nicht mehr geben wird – was für ein Regime ist das, welches alte kranke Männer vor die Kameras zerrt, nur um zu beweisen, daß das System noch funktioniert! -cb-