Von Rolf Zundel

Saarbrücken, Ende Februar

Bangemann ist über die FDP gekommen wie ein warmer Frühjahrsregen. Die liberalen Pflänzchen regen sich wieder, auch solche, die ziemlich geknickt vor sich hingekümmert hatten. Hoffnung breitet sich aus, Zuversicht. Und weil die liberale Welt so frischgewaschen aussieht, mag auch niemand mehr an Streit denken – vorläufig wenigstens.

So harmonisch ist die FDP seit vielen Jahren nicht mehr erschienen wie auf dem Parteitag in Saarbrücken. Kein Grummeln mehr über die Wende; das alte sozial-liberale Bündnis ist nicht mehr peinigende Erinnerung, sondern respektable Geschichte, die neue Koalition mit der Union rundum akzeptiert; nicht historisch, aber dauerhaft soll sie sein. Genscher, der ehemals Vielgeschmähte, in einer Mischung aus Dankbarkeit, schlechtem Gewissen und Parteiloyalität gerühmt und gefeiert, der Nachfolger Bangemann ebenso wie sein Generalsekretär Haussmann mit Mehrheit gewählt, die nach liberalen Maßstäben schon fast unanständig sind.

Baum und Hirsch, die ehemaligen Wendegegner, erscheinen zufrieden: Sie sind nicht mehr nur geduldete Außenseiter. Hildegard Hamm-Brücher, die kurz vor dem Parteitag die FDP noch mit zornigen Bemerkungen in Unruhe versetzt hat, erschreckt Hans-Dietrich Genscher sogar mit der Andeutung einer Umarmung. Lambsdorff, der vorher den Rentenkompromiß als Fehlentscheidung getadelt hat, verschluckt seine Kritik und beschränkt sich darauf, für die Zukunft Besserung zu verlangen. Irmgard Adam-Schwaetzer findet den Parteitag – und die Augen strahlen noch etwas blauer als sonst – „einfach dufte“.

Das alles wirkt ein wenig zu schön, um ganz echt zu sein. Da war natürlich die Erinnerung an den letzten Parteitag in Münster, wo die FDP aus dem Leim zu gehen drohte, da war die disziplinierende Wirkung der Wahlkämpfe im Saarland, in Berlin und Hessen, da grassierte Angst ums Überleben, die in Harmoniebedürfnis umschlug.

Nicht Lambsdorff, der harte Verteidiger wirtschaftlichen Ordnungspolitik (in der Diskussion, wie auch schon auf früheren Parteitagen, so auch diesmal die dominierende Figur), nicht Genscher, der Mann genau kalkulierter politischer Signale – Martin Bangemann war der Mann der Stunde. Seine sprudelnde Rhetorik ähnelte zuweilen den Sprach-Mäandern von Franz Josef Strauß: Blätterraschelnd suchten die Journalisten im verteilten Manuskript nach den Sätzen des neuen FDP-Vorsitzenden – meist vergebens; sein Redestrom läßt sich nicht kanalisieren. Und er gleicht dem Vorsitzenden einer anderen Partei in der Fähigkeit, gegensätzliche Positionen zu vereinnahmen, in seinem Talent zu einem Populismus, bei dem sich die Probleme in rhetorisches Wohlgefallen auflösen: Bangemann – ein liberaler Kohl?